Wirbel
Feierabendkonzert im Oberhafen
Schreitet da ein Kamel vorbei – oder war das eine Fata Morgana? Mozarts „alla turca“ in der Konzertkammer.
Wolfgang Amadeus Mozart,
Klaviersonate A-Dur KV 331
Felix Mendelssohn Bartholdy,
Variations sérieuses op. 54
Frédéric Chopin,
Polonaise cis-moll op. 26 Nr. 1
-
Franck-Thomas Link, Klavier
Tickets: 18 € im Online-Vorverkauf, 23 € an der Abendkasse, Mitglieder: 9 €
Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24, 20457 Hamburg
Wolfgang Amadeus Mozart,
Klaviersonate Nr. 11 A-Dur KV 331
Tema. Andante Grazioso E Variazioni
Menuetto - Trio
(Rondo) Alla Turca. Allegretto
Felix Mendelssohn Bartholdy,
Variations sérieuses d-moll op. 54
Frédéric Chopin,
Polonaise cis-moll op. 26 Nr. 1
Die Klaviersonate A-Dur KV 331 entstand um 1783 in Wien – mitten in der „Türkenmode“, die das kulturelle Leben der Stadt erfasst hatte. Was 1683 noch existenzielle Bedrohung war, als osmanische Truppen Wien belagerten, hatte sich hundert Jahre später in Faszination verwandelt: Man trank Kaffee, kleidete sich orientalisch, und Komponisten entdeckten die exotischen Klänge der Janitscharenkapellen. Doch das „Türkische" war kein bloß historisches Kostüm: Noch zu Mozarts Lebzeiten führte Österreich Krieg gegen das Osmanische Reich, Steuern stiegen, Familien verloren Söhne. Die Verwandlung des Bedrohlichen ins Unterhaltsame war auch eine Form der Bewältigung.
Mozart baut die Sonate ungewöhnlich auf. Statt eines Sonatensatzes eröffnet ein Variationensatz: Ein schlichtes Thema (Andante grazioso) durchläuft sechs Verwandlungen, wobei die fünfte Variation ins Adagio wechselt und sich zu einem veritablen langsamen Satz weitet. Ein Menuett mit Trio folgt – beide Sätze noch ganz im galanten Stil.
Im Finale greift sich Mozart, was ihm an der osmanischen Militärmusik ins Ohr gefahren war: In der linken Hand pocht der Wechsel von Schlegel und Rute auf der großen Trommel (Davul), die wirbelnden Sechzehntelläufe zitieren die ornamentierenden Figuren der Schalmei (Zurna), scharfe Oktavgriffe ahmen den durchdringenden Klang der Rohrblattinstrumente nach. Dieser Marsch wurde zum Inbegriff des „alla turca“.
Franck-Thomas Link
Die „Variations sérieuses“ op. 54 gelten als das bedeutendste Werk für Klavier solo aus Felix Mendelssohn Bartholdys Feder. Das Thema steht im Andante sostenuto und ist wie ein klassischer Streichquartettsatz gebaut. In seufzenden Synkopen und Vorhalten wird der schmerzliche Charakter heraufbeschworen, der im Verlauf des groß angelegten Stücks trotz verschiedenster Veränderungen weitgehend erhalten bleibt.
Über den Titel wurde in der Fachwelt oft diskutiert, wobei unentschieden blieb, ob sich das „sérieux“ (frz. = „ernst") auf den Charakter der Musik bezieht oder auf die Variationstechnik an sich. Denn seit Beethoven hatte die Variationstechnik an Bedeutung gewonnen. Abgesehen von wenigen höchst prominenten Werken wie etwa Bachs Goldberg-Variationen galt sie bis dahin als eine eher spielerische Möglichkeit, ein Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Beethoven hatte sich von dieser „losen Folge“ verabschiedet und seine großen Variationswerke zu dramaturgisch aufgebauten Gesamtsätzen geformt. Das bedeutete auch, dass sich eine Variation oft aus der Struktur der vorangegangenen ergab, sei es durch weitere Durchführung oder durch starke Kontrastierung. So wurde die Variationsform gewissermaßen revolutioniert und war nicht länger eine Spielerei, an der sich Komponisten üben konnten wie Instrumentalisten an Etüden. Man kann also vermuten, dass Mendelssohn seinem Werk auch deshalb diesen Titel gab, um darin seine kompositionstechnische Absicht anzuzeigen – zweifellos inspiriert von Beethoven, insbesondere von dessen 32 Variationen in c-moll WoO 80.
Aufgrund der technischen Anforderungen an den Pianisten werden die „Variations sérieuses“ oft bei internationalen Klavierwettbewerben als Pflichtstück ausgewählt. Sie sind gewissermaßen ein Katalog aller Klaviertechniken, die bis zur Entstehungszeit des Werkes existierten.
Franck-Thomas Link
1834, Paris: Chopin ist Anfang zwanzig, gefeierter Pianist, Liebling der Salons – und ein Mann ohne Land. Drei Jahre zuvor war der polnische Novemberaufstand gescheitert, Warschau gefallen, die Hoffnung auf Unabhängigkeit zerschlagen. In Stuttgart erreichte ihn die Nachricht; in sein Tagebuch schrieb er: „Ein Leichnam ist so blass wie ich.“ Nach Polen zurück konnte er nicht. Also blieb er in Paris, gab Klavierstunden an reiche Aristokratinnen, verkehrte mit Liszt und Heine – und komponierte Musik, in der sich unter der eleganten Oberfläche etwas Gefährliches verbarg. Robert Schumann nannte es „Kanonen, verborgen unter Blumen“.
Die Polonaise cis-moll ist so ein Stück mit doppeltem Boden. Eigentlich war die Polonaise ein stolzer Schreittanz, mit dem der polnische Adel Bälle eröffnete – ein Ritual der Selbstvergewisserung, aufrecht, würdevoll, ein bisschen eitel. Chopin nimmt diese Form und füllt sie mit etwas anderem: Zweifel, Sehnsucht, unterdrückte Wut. Schon der Beginn irritiert – düster pochende Oktaven, aus denen sich ein leidenschaftliches Thema herausschält, das zwischen cis-moll und Cis-Dur schwankt, als könne es sich nicht entscheiden zwischen Kampfgeist und Resignation.
Das Trio bringt einen Moment zum Durchatmen: eine lyrische Melodie in Des-Dur, fast zärtlich, wie eine Erinnerung an etwas Verlorenes. Dann kehrt der Hauptteil zurück – und verklingt am Ende leise, unaufgelöst.
kammerkunst.de/1291/