Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Cellisimo

Klassik im Tunnel - Matineekonzert in der Gallery Mytoro

Johannes Krebs und Franck-Thomas Link

Johannes Brahms, Rhapsodie g-moll op. 79 Nr. 2 für Klavier
Sergei Prokofjew, 3. Klaviersonate op. 28
Johannes Brahms, Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 1 e-moll op. 38
Sergei Prokofjew, Sonate für Violoncello und Klavier op. 119



Gallery Mytoro und Hamburger Kammerkunstverein laden ein zur 2. Saison der Kammermusikreihe „Klassik im Tunnel“.

Der Eintritt ist frei, für das leibliche Wohl wird gesorgt. Die Anzahl der Plätze ist begrenzt, wir bitten um telefonische Reservierung bei der Gallery Mytoro unter 040 / 55431313 oder per Email unter gallerist@mytoro.de.


Gallery Mytoro, Lüneburger Straße 1a, 21073 Hamburg, Gloriatunnel, Bhf. Harburg, Ausg. Moorstraße, beim Cinemaxx


Johannes Brahms,
Rhapsodie g-moll op. 79 Nr. 2 für Klavier

Sergei Sergejewitsch Prokofjew,
Klaviersonate Nr. 3 a-moll op. 28 (1907/17)

Allegro tempestoso

Johannes Brahms,
Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 1 e-moll op. 38

Allegro non troppo
Allegretto quasi Menuetto
Allegro

Sergei Sergejewitsch Prokofjew,
Sonate für Violoncello und Klavier C-Dur op. 119

Andante grave
Moderato
Allegro, ma non troppo


Die zweite Rhapsodie des Opus 79 in g-moll gehört zu Brahms' beliebtesten und wirkungssichersten Klavierkompositionen. Ein schwungvoll aufrauschendes Hauptmotiv wird in einer Folge jagender Akzente fortgesetzt, eine rasch sich steigernde Periode expressiven Charakters leitet über zum mezza voce beginnenden Seitensatz, dessen geheimnisvoll schreitender Bass sich allmählich zu mächtigem Pathos erbebt. Der Sonatensatz, das dem Werke zugrunde liegende klassische Formprinzip, erfüllt sich im Durchführungsteil, der zunächst das Hauptmotiv behandelt, dann den Rhythmus des Seitensatzes mit einem mystischen Choral auf archaischen Ton- und Akkordfolgen verbindet. Der Anklang an den Choral „Ad nos, ad salutarem undam" aus Meyerbeers „Prophet“ ist viel bemerkt worden. In der Reprise wird der Seitensatz zu heroischer Größe gesteigert. Brahms hat mit der zweiten Rhapsodie ein Werk geschaffen, das zwar nicht ganz die jugendliche Inspirationsfülle der f-moll-Sonate erreicht, durch den gleichen großartigen Klaviersatz und die höhere formale Vollendung aber auf derselben Stufe der Meisterschaft steht.

Nico Benadie


Sergei Prokofjews Klaviersprache mutet für Nichtrussen heute als typisch russisch an. Dabei wird leicht vergessen, dass Prokovieff eine völlig eigentümliche Klaviersprache entwickelte, die in Russland nicht sofort verstanden und geschätzt wurde. Seine große Klangmacht steht absolut in der russischen Tradition. Er ließ aber, ähnlich wie Debussy und Ravel in Frankreich, die Romantik hinter sich, die in Moskau durch Rachmaninow ja noch blühte. Neu war vor allem, dass er die Tür für Witz und Hässlichkeiten in der russischen Musik öffnete. Man könnte ihn als den Erfinder des skurrilen Humors in der russischen Musik bezeichnen.

Franck-Thomas Link


Die großen Cellosonaten von Beethoven, Schubert oder Brahms sind Ausdruck der Blütezeit des bürgerlichen Konzertlebens. Das unbekannte Selbst faszinierte den Bürger. Die Seele des genialen Künstlers trug heroische Menschwerdungskämpfe aus. Der dunkle Ton des Violoncellos verlieh kaum geahnten Empfindungen des Künstlers Ausdruck. Der Gesang des Cellos rührt „auf tiefer, unergründlicher Ebene an unser Gefühl“, sagte der Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin. Und tatsächlich kommt der Klang des Violoncellos dem der menschlichen Stimme sehr nahe.

Die e-moll-Sonate für Violoncello und Klavier op. 38 von Johannes Brahms entstand in zwei Etappen. Sie ist die erste der beiden Sonaten, die Brahms für diese Gattung schrieb. Die ersten drei Sätze Allegro, Adagio und Allegretto entstanden 1862 in Bad Münster am Stein und in Hamburg-Hamm, das damals noch ein Dorf weit vor den Toren Hamburgs war. Das Finale komponierte Brahms erst drei Jahre später in Baden-Baden. Ursprünglich war die Sonate viersätzig, Brahms entfernte jedoch vor der Veröffentlichung das Adagio. Möglicherweise fürchtete er, die Sonate könnte zu lang werden. Leider vernichtete er diesen langsamen Satz wahrscheinlich, so wie viele seiner Kompositionen, die er nicht veröffentlichen wollte. Die Uraufführung des Werkes fand erst 1871 statt. Ein Grund hierfür könnte sein, dass Brahms‘ Name zum Entstehungszeitpunkt der Sonate noch keineswegs etabliert war. Seine großen Erfolge traten erst mit der Aufführung des Deutschen Requiems und der Ungarischen Tänze in den Jahren 1868 und 1869 ein.

Beethovens Cello-Sonaten gelten gemeinhin als Grundlage dieser Gattung, die sich, ausgehend von den brahms‘schen Kompositionen in der europäischen Romantik, bis zur Moderne umfangreich weiterentwickelte. Natürlich war sich Brahms seiner Rolle als Nachfolger Beethovens bewusst. Mit Sicherheit hat er Beethovens Cello-Sonaten gründlich studiert und sie, als ausgezeichneter Pianist, selbst aufgeführt. Brahms hatte ein differenziertes Verhältnis zur Tradition, weshalb es nicht verwundert, dass der erste Satz der e-moll-Sonate an Beethovens Cello-Sonate op. 69 erinnert, während sich im Finale Verbindungen zu Bachs Kunst der Fuge erkennen lassen.

Franck-Thomas Link


Die Sonate C-Dur für Violoncello und Klavier op. 119 ist das letzte kammermusikalische Werk Sergei Prokofjews. Sie entstand 1949, in einer Zeit, in der sich der Komponist gleich von mehreren Schicksalsschlägen erholen musste: Im Jahr zuvor hatte man nicht nur seine erste Frau, die spanische Sängerin Carolina Codina, der Spionage bezichtigt und verhaftet, auch war sein bester Freund, Sergei Eisenstein, gestorben.

Zudem war Prokofjew 1948 vom Zentralkomitee der KPdSU als „Formalist“ verurteilt und künstlerisch zu mehr „Volkstümlichkeit“ aufgerufen worden. Er musste sich öffentlich selbst bezichtigen und versuchte daraufhin, sich mit seiner neuen Oper „Die Geschichte vom wahren Menschen“ mithilfe eingängiger Melodien zu rehabilitieren. Dennoch blieben die Vorwürfe der Regierung bestehen, ihm wurde weiterhin vorgeworfen, die Sowjetunion im „grobschlächtigen, naturalistischen Stil“ behandelt zu haben.

Nach dieser künstlerisch-politischen wie auch persönlichen Krise distanzierte sich Prokofjew vom sowjetischen Komponistenverband. Er wandte sich mit seiner Sonate für Violoncello und Klavier op. 119 wieder der Kammermusik zu, was seiner neuen Gleichgültigkeit gegenüber der „sowjetischen Musik mit ihrem angeblichen Realismus“ Ausdruck verlieh.

Prokofjews Sonate für Violoncello und Klavier op. 119 ist, wie viele andere seiner letzten Werke, von weiten Melodien, lyrischer Stimmung, leiser Resignation und einem fast romantischen Tonfall gekennzeichnet. Erstaunlich, dass die Regierung dieses Werk akzeptierte und zur öffentlichen Aufführung freigab.

Auch wenn er die Sonate für Violoncello und Klavier op. 119 offiziell dem Arrangeur und Komponistenkollegen Lewon Atowmjam widmete, schrieb Prokofjew das Werk eigentlich für den damals 22-jährigen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, der gemeinsam mit dem Pianisten Swjatoslaw Richter die Uraufführung am 1. März 1949 in Moskau spielte.

Franck-Thomas Link