Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

314. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

Johannes Brahms, Sonate für Viola und Klavier f-moll op. 120 Nr. 1


Der Eintritt ist frei.


Börsensaal der Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


Programm als PDF


Johannes Brahms,
Sonate für Klarinette und Klavier f-moll op. 120 Nr. 1

Allegro appassionato
Andante und poco Adagio
Allegretto grazioso
Vivace


Die beiden Klarinettensonaten op. 120 entstehen im Sommer 1894 im Bad Ischl im österreichischen Salzkammergut, wo Johannes Brahms einige seiner späten Sommer verbringt. Hier komponiert er zurückgezogen, ist aber gleichzeitig an einem Ort, an dem sich im Sommer eine Art Künstlerkolonie bildet. Er begegnet u. a. Johann Strauss und Gustav Mahler. Die Klarinettensonaten gehören zu seinen letzten Werken, ihnen Folgen nur noch die Vier ernsten Gesänge op. 121 und die Choralvorspiele op. 122 für Orgel.

Eigentlich glaubt Brahms, bereits mit dem Komponieren abgeschlossen zu haben, als er im Frühling 1894 in Wien vom 1. Klarinettisten der Meininger Hofkapelle Richard Mühlfeld Besuch bekommt. Mühlfeld inspirierte Brahms bereits zur Komposition seines Klarinettenquintetts und des Trios für Klarinette, Cello und Klavier. Diese beiden Gattungen gehen auf große Vorbilder, nämlich Mozart (Quintett) und Beethoven (Trio), zurück. Mit den Sonaten für Klarinette und Klavier dagegen betritt Brahms noch einmal musikalisches Neuland.

Die Klarinette ist für Brahms ein relativ neues Instrument, sie wurde erst zu Mozarts Zeiten so weit entwickelt, dass sie für das Orchester eingesetzt werden konnte. Mozart war so begeistert von diesem Instrument, dass er sein berühmtes Klarinettenkonzert schrieb, was wesentlich zur Verbreitung der Klarinette beitrug. Es wurde nie ganz geklärt, warum Brahms seine Klarinettensonate auch in einer Fassung für Viola statt Klarinette herausgab. Dies könnte aus Gründen der erweiterten Vertriebsmöglichkeiten geschehen sein, aber einfach ein Zeugnis von Brahms' Liebe zur Viola sein. Bemerkenswert ist, dass er später noch eine Fassung mit Violine schrieb, in der er allerdings auch den Klavierpart umarbeitete. Diese Fassung wird fast nie gespielt.

Der Musikwissenschaftler Constantin Floros beschäftigt sich in einer Arbeit über Johannes Brahms mit der Tatsache, dass Brahms häufig Werkpaare bildet: Zwei Klavierkonzerte, zwei Cellosonaten, zwei Streichsextette, zwei Serenaden für Orchester und eben auch zwei Klarinettensonaten. Floros beschreibt eine „Doppelgesichtigkeit“, die in diesen Werkpaaren zu beobachten ist, denn diese Paare weisen jeweils inhaltliche Gegensätzlichkeiten auf, die keinesfalls zufällig entstanden.

Die f-moll-Sonate op. 120 Nr. 1 ist ein zunächst düsteres Werk, und steht damit ihrer Schwestersonate gegenüber, deren erster Satz schon bezeichnenderweise mit Allegro amabile überschrieben ist. Scheinbar ist das Werk in traditioneller Form angelegt, es ist viersätzig, der Kopfsatz ist ein Sonatenhauptsatz, dem ein langsamer Satz folgt. Statt eines Scherzos schreibt Brahms an dritter Stelle einen Ländler mit Trio und da capo, und am Schluss steht ein Finalrondo. So könnte auch eine Beethoven-Sonate gebaut sein. Aber der Schein dieser einfachen Struktur trügt, denn die innere Struktur der Sonate weist eine Kompositionstechnik auf, die Arnold Schönberg später als „entwickelnde Variation“ bezeichnete. Durch diese Technik entsteht ein motivisch-variatives Beziehungsgeflecht, bei dem alle thematischen Einfälle und Wendungen innerlich miteinander verbunden sind, es findet quasi eine Verschmelzung der kontrastierenden Themen statt. Diese Beschaffenheit macht die Klarinettensonaten zu seinen kompliziertesten Kammermusikwerken überhaupt.

Dass die beiden Sonaten für Brahms persönlich eine äußerst wichtige Rolle spielen, bezeugt schon die Tatsache, dass er die Sonaten im Januar 1895 mit Mühlfeld zusammen selbst im Wiener Musikverein uraufführt.

Franck-Thomas Link


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