Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.


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301. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

Sonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy und Claude Debussy


Börsensaal der Handelskammer Hamburg
Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus

Juditha Haeberlin

Der Eintritt ist frei.


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Felix Mendelssohn Bartholdy,
Sonate für Violine und Klavier op. 4 f-moll

Adagio - Allegro moderato
Poco adagio
Allegro agitato

Claude Debussy,
Sonate für Violine und Klavier

Allegro vivo
Intermède, fantasque et léger
Finale, très animé


Reclams Kammermusiklexikon schreibt über Mendelssohns Sonate für Violine und Klavier op. 4, dass es sich hierbei um ein Werk handle, dem „man im Konzertsaal kaum begegnet“. In diesem Zusammenhang möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, dass ich diese Sonate innerhalb von sechs Monaten schon zum zweiten Mal öffentlich spielen darf. Ich bin nicht einverstanden mit der Vernachlässigung der frühen Werke von Mendelssohn von Seiten der Musikwissenschaft. Natürlich lässt kein Wissenschaftler einen Zweifel daran, dass Felix Mendelssohn Bartholdy ein Wunderkind war, und doch gibt es da oft eine verniedlichende Haltung, weil sein Jugendwerk (anders als z. B. bei Mozart) immer an den später entstandenen Highlights wie dem Sommernachtstraum, den Symphonien oder dem Violinkonzert gemessen wird. Ich glaube, dass die f-moll Sonate op. 4 eines der besten Beispiele für die Genialität Mendelssohns ist und dass man hier einen Einblick bekommt in die ursprüngliche Mendelssohn'sche Sprache.

Mendelssohn war einer der gefragtesten Pianisten seiner Zeit, ein berühmter Bühnenkünstler, der auch komponierte. Man muss sich dabei klar machen, dass er ohne Flugzeug und fast ohne Eisenbahn europaweit Auftritte absolvierte und in England ebenso zu Hause war wie in Deutschland. Auch als Dirigent und Musikwissenschaftler hat er für die Nachwelt vieles erreicht, u. a. hat er die großen Oratorien und Messen von J. S. Bach aus der Vergessenheit geholt. Aber seine ureigene Sprache hat er als Junge unter dem liebevollen Lektorat seiner Schwester Fanny gefunden, zu einer Zeit, in der Karriere-, Reise-, Job-, und Pressedruck noch keine wesentliche Rolle in seinem Leben spielten.

Die Sonate op. 4 entstand in Mendelssohns sechzehntem Lebensjahr und repräsentiert zwei wesentliche Aspekte in Mendelssohns Schaffen: Die Verbundenheit mit der großen Musik seiner Vorgänger und den Ausblick auf Musik, die wesentlich später komponiert werden wird. So mutet der erste Satz zuweilen an, als wären Mendelssohn die Themen eingefallen, während er gerade eine Haydn-Klaviersonate übte. Aber die Idee, einen solchen Satz mit einem fantastischen Solo-Rezitativ der Geige beginnen zu lassen, wurde erst sehr viel später z. B. in Smetanas Klaviertrio oder im langsamen Satz der Violinsonate von César Fanck wieder aufgenommen. Ich halte diese Sonate für den perfekten Beweis dafür, dass Mendelssohn als geniales Bindeglied zwischen mehreren Epochen verstanden werden muss und dass seine eigentliche Sprache bereits in seinem frühen Werk verstanden werden kann. Ich möchte Reclam verbessern: Der Sonate op. 4 begegnet man zu großem Unrecht und aus Verblendung kaum im Konzertsaal.

Franck-Thomas Link


Die Sonate für Violine und Klavier von Claude Debussy entstand 1916/17 - mitten im Ersten Weltkrieg und etwa ein Jahr vor Debussys Tod. Der Krieg und die Verschlechterung seiner todbringenden Krankheit hatten Debussy zunächst in eine Schaffenskrise geführt. Während eines Erholungsurlaubs bei Freunden in Pourville in der Normandie fasste er den Plan sechs Sonaten in verschiedenen Besetzungen zu schreiben. „Ich habe die Fähigkeit wieder erlangt, musikalisch zu denken, was mir ein ganzes Jahr nicht gelungen war... nun aber habe ich geschrieben wie ein Besessener, oder wie einer, der am nächsten Tag sterben muss ...“

Die Besonderheit dieses Projekts, das den Komponisten wieder zu seinem Medium zurückfinden ließ, besteht darin, dass er sich hier auf alte französische Kompositionsformen des Barock bezieht. Beispielsweise arbeitet Debussy in seinen Sonatensätzen mit monothematischen Formen, ähnlich wie man sie von Couperin oder Rameau kannte. Neben Ravel gilt Debussy als Vollender des musikalischen Impressionismus. Oft wird er im selben Atemzug mit den Malern Monet oder Renoir erwähnt. Er gilt aber auch als einer der wichtigsten Vertreter der französischen Musik im Sinne von nationaler Musik.

Nur zu leicht wird übersehen, dass Debussy ein Zeitgenosse von „National-Komponisten“ wie Dimitri Schostakowitsch in Russland, Edvard Elgar in England oder Manuel de Falla in Spanien war. Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges und in einer noch keineswegs globalisierten Welt ist das ein wichtiges Faktum. Ein wesentlicher Aspekt dieses Themas ist Debussys tiefgehende Auseinandersetzung mit der Musik Richard Wagners, die zwar früher entstanden war, aber in Deutschland während des Ersten Weltkrieges eine große Rolle spielte. Das eigentümlich Französische unterstreicht Debussy noch einmal deutlich durch seine Rückbesinnung auf die alten französischen Meister. Leider konnte Debussy von den sechs geplanten Sonaten nur drei fertigstellen, nämlich die Sonate für Harfe, Flöte und Viola, die Sonate für Cello und Klavier und schließlich die Sonate für Violine und Klavier. Sie ist das letzte Werk, das er vollendete.

Franck-Thomas Link