Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

294. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

Franz Schubert, Die schöne Müllerin (Auszüge)

Die schöne Müllerin

Schuberts Vertonung eines Liebesdramas, die tief berührt. (Bitte beachten Sie die Programmänderung.)



Der Eintritt ist frei.


Handelskammer Hamburg, Börsensaal, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


Tagesprogramm als PDF


Franz Schubert,
Die schöne Müllerin D 795, 1823

Liederzyklus von Franz Schubert nach Texten von Wilhelm Müller

1. Das Wandern
2. Wohin?
3. Halt!
4. Danksagung an den Bach
5. Am Feierabend
6. Der Neugierige
7. Ungeduld
8. Morgengruß
9. Des Müllers Blumen
10. Tränenregen
11. Mein!
12. Pause
13. Mit dem grünen Lautenbande
14. Der Jäger
15. Eifersucht und Stolz
16. Die liebe Farbe
17. Die böse Farbe
18. Trockne Blumen
19. Der Müller und der Bach
20. Des Baches Wiegenlied


Die Geschichte ist eigentlich schnell erzählt: Junger Geselle verliebt sich in die Tochter des Müllers, die den Jäger vorzieht. Ende ungut. So weit, so romantisch. Was nach Klischee riecht, wird bei Schubert zu einem packenden Drama, denn er zeichnet - auf dem Höhepunkt seiner kompositorischen Fähigkeiten stehend - jede Gefühlsregung des Müllerburschen musikalisch so lebendig nach, dass einem der Atem stockt.

1. Gleich eingangs wird klar, woher der Müllersbursch kommt und wohin es ihn zieht: aus der Ferne - in die Ferne, sehnsüchtig, unruhig, unstet. Darin ist er sich mit dem Stubenhocker Schubert einig, der oft draußen in der Natur die bedrückende Enge Wiens zu vergessen suchte. Der Bursche pfeift auf die Gesellschaft und ist frei.

2. Der reine Tor schreitet in die Welt, die Nixen des Baches singen dazu, er ist wohlgemut und neugierig. Das Leben liegt voll unheimlicher Verheißung vor ihm, wie er erfreut und fast verwundert registriert.

3. Ein Mühle taucht zwischen den Bäumen auf, der Bursche ist wie vom Donner gerührt. Keine Mühle wie alle anderen Mühlen, sondern eine, die magisch auf ihn wartet und seine Bestimmung zu sein scheint.

4. Und wirklich, hier wohnt die Lösung auf alle Rätselfragen des Lebens: Es ist die junge Müllerstochter, der unser Held auf den ersten Blick verfällt. Innig dankt er dem Bache, dass er ihn zu ihr geführt hat.

5. Aber ach - es läuft nicht wie erwartet für unseren siegessicheren Helden. Er kann sich bei der Arbeit anstrengen wie er will, die Müllerin würdigt ihn keines Blickes.

6. Ja oder nein? Liebt sie mich oder liebt sie mich nicht? Das ist für den Burschen zur überlebenswichtigen Frage geworden, auf die er sich vom Bache in hoffend-bangem Fragen eine Antwort erwartet.

7. Er will es wissen, sie soll sein sein, mit aller Macht, mit allen Mitteln, alles ist recht, um dieses Ziel zu erreichen. Und wenn man es sich nur fest genug einredet, kann man auch für Momente daran glauben, dass es so ist.

8. Zartes Ständchen unterm Fenster der Angebeteten. Liebevoll, von Zweifeln durchsetzt.

9. Der Bursch hat sich angefreundet mit der Situation, dass er die Unberührbare nur anhimmeln darf. Er ist froh, überhaupt in ihrer Nähe sein zu dürfen und singt einen Minnesang auf seine „Hohe Frouwe“.

10. Der Müller und sein Mädchen sitzen zusammen am Bach. Richtig „traulich“, wie der Müller proklamiert, ist die Stimmung jedoch nicht. Zwischen den beiden herrscht Stillstand. Sie lässt ihn kühl im Regen stehen. Einzig der Bach fließt, Tiefe verheißend, ungerührt wie immer.

11. Der Bursche besingt seine Liebe zur Müllerin in lautem, hellem Triumph, obwohl die Müllerin ihn nicht liebt. Innen und Außen sind in zwei Welten zerfallen.

12. Der Müllersbursch befragt sich selbst, findet Selbstverrat und Leere, sucht Trost in der Erinnerung an das, was er verloren hat, seine Musik, die Liebe, und hält sich halb hoffend, halb fürchtend daran fest, dass beides vielleicht wiederkehren wird.

13. Grün und Weiß sind zwei Farben, die für die Liebenden unterschiedliche Bedeutungen haben: Weiß ist der Mehlstaub, er bedeutet Sicherheit und die Zugehörigkeit zum Haushalt des Meisters. Weiß ist aber auch die Farbe der langweiligen Gewöhnlichkeit, die der Geselle und die Müllerin verabscheuen. Grün ist die Sehnsucht des Burschen nach der Ferne und die Hoffnung auf die Nähe der Geliebten. Der hier wohnende Widerspruch fällt ihm nicht auf und wird ihm das Genick brechen. Für die Müllerin, die Scheinheilige, hat Grün freilich eine ganz andere Bedeutung.

14. Grün ist die Farbe des Jägers, der viril in sein Jagdhorn stößt, was die Müllerin aus dem Häuschen bringt und den Müllersburschen blass aussehen lässt.

15. Der Jäger hat dem Burschen den Schneid abgekauft. Der Bursche erkennt, dass er den Kampf um die Müllerin verloren hat.

16. Der Müllersbursche ist wie vor den Kopf geschlagen und wiederholt den Satz „Mein Schatz hat's Grün so gern“ wieder und wieder, unfähig zu verstehen. Er nimmt kaum wahr, dass ihm dieses monotone Mantra zum Totenglöcklein wird.

17. Weg, nur weg von der garstigen Müllerin und der zerbrochenen Liebe will der Müllersbursch, hinaus ins Weite. Doch der Ausgang ist verstellt: überall nur Grün, wohin er auch schaut. Das bewährte Rezept weiterzuziehen, das bislang sein Lebensmotto war, versagt. Er sieht, dass ihn dieses ungelöste Problem überall verfolgen wird, was einen Ortswechsel sinnlos macht.

18. Der Müller und der Tod. Dürre, Trauermarsch, trotzige Todeslust.

19. Schmerz wird zum Trost. Hier ist der Meister Schubert ganz bei sich.

20. Der Bach nimmt den Müller und sein Leid auf. Überirdisch schön entfaltet sich die ewige Natur.

Ulrich Bildstein


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