Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

293. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

Sonaten für Bratsche und Klavier von Bach und Hindemith

Bach und Hindemith

Ein kontrastreiches Konzert: archaische Harmonik bei Bach, herrliche Hässlichkeit bei Hindemith. Sie hören 2 aufregende Meisterwerke der Bratschenliteratur.



Der Eintritt ist frei.


Handelskammer Hamburg, Börsensaal, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


Tagesprogramm als PDF


Johann Sebastian Bach,
Sonate für Viola da Gamba und Cembalo g-moll BWV 1029

Vivace
Adagio
Allegro

Paul Hindemith,
Sonate für Bratsche und Klavier op. 25 Nr. 4

Sehr lebhaft. Markiert und kraftvoll
Sehr langsame Viertel
Finale. Lebhafte Viertel


Die Gesamtform der Gambensonate g-moll BWV 1029 von Johann Sebastian Bach und viele Details erinnern deutlich an die Konzertform, und es ist bereits vermutet worden, dass die Sonate aus der Bearbeitung eines Konzerts (dann wohl für zwei Flöten) entstand. Schon das Unisonothema des ersten Satzes lässt an das dritte Brandenburgische Konzert denken; die Soli stellen ihm ein eigenes kontrastierendes Thema entgegen. Im Mittelsatz deutet die schlichte Bassstimme eine einfache und fast archaische Harmonik an, über die die beiden Oberstimmen einen sehr ausdrucksvollen und durch viele Vorhalte gekennzeichnete Zwiegesang entwickeln. Der Schlusssatz ist eine Fuge, deren ausgedehnte Zwischenspiele aber überraschend ein deutlich kontrastierendes zweites Thema „cantabile“ einführen – dadurch wirkt der Satz insgesamt sehr „modern“, stellenweise fast wie ein Werk aus der nächsten Generation.


Paul Hindemith war selbst Bratschist, was seine besondere Liebe zu diesem Instrument erklärt - er schrieb mehr Musik für Solobratsche als jeder andere Komponist. Neben 4 Solosonaten, 3 Konzerten, einer Trauermusik komponierte er auch 3 Sonaten für Bratsche mit Klavier. Obwohl seine Sonate op. 25 Nr. 4 für Bratsche und Klavier von 1922 ein frühes Werk ist, ist - zumindest in den ersten beiden Sätzen - jeder einzelne Takt schon echt Hindemith. Das Klavier spielt eine ungewöhnlich prominente Rolle, indem es den ersten Satz mit einem ausgedehnten Solo öffnet, bevor die Bratsche für ein getriebenes Allegro mit einem sanfteren, aber kaum friedlicheren zweiten Thema mit einstimmt. Das Verpuffen dieser Energie in der Coda ist umso unerwarteter, wie auch die Eloquenz des langsamen Satzes, einer Art leidenschaftlichen Monologs für die Bratsche gegenüber läutenden Klavierakkorden: manchmal glockenhaft, manchmal wie ein Choral. Das Finale bricht mit brüsk perkussiven Gesten in beiden Instrumenten herein und entwickelt sich in ein entschlossenes, anregendes Moto perpetuo. Dies ist offensichtlich (und für Hindemith ungewöhnlich) von ausgedehnten Anspielungen an osteuropäische Musik erfüllt. Man bekommt das Gefühl, dass seine Begegnung mit den brillanten Kammermusikwerken von Kodály und Bartók auf zeitgenössischen Musikfestspielen auf ihn abgefärbt hatte.


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