Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Klavierrezital


Perzina Saal, Stadtbibliothek Schwerin, Wismarsche Strasse 144, 19053 Schwerin


Modest Mussorgski,
Bilder einer Ausstellung

Promenade
Gnomus
Promenade
Das alte Schloss
Promenade
Tuillerien
Bydlo
Promenade
Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen
Samuel Goldberg und Schmuyle
Promenade
Der Marktplatz von Limoges
Catakombae: Sepulcrum romanum - Con mortuis in lingua mortua
Die Hütte der Baba Yaga
Das große Tor von Kiew

Franz Schubert,
Klaviersonate B-Dur D 960

Molto moderato
Andante sostenuto
Scherzo - Allegro vivace con delicatezza
Allegro, ma non troppo


Modest P. Mussorgski (1839-1881) wurde hauptsächlich durch seine Oper „Boris Godunow“ bekannt. Er war Offizier und Beamter. Das Komponieren betrieb er, ohne auf die musikalischen Regeln der Zeit zu achten. Er machte daher sozusagen schon Zukunftsmusik, während die Kollegen ihn eher als Dilettanten betrachteten. Nachhaltigen Eindruck hinterließ er aber mit einem genialen Klavierwerk. Als im Jahre 1873 sein bester Freund Victor Hartmann verstarb, ein Architekt und Maler, widmete Mussorgski ihm eine Komposition, die er „Bilder einer Ausstellung“ nannte. Die Anregung dafür gab ihm eine Ausstellung mit Bildern des verstorbenen Freundes. Die Eindrücke, die er beim Betrachten der Bilder hatte, setzte er um in eine Reihe von Musikstücken mit sehr unterschiedlichem Charakter. Es entstanden für zehn Bilder zehn Sätze, die den Bildinhalt lautmalerisch umsetzen. Diese Teile werden verbunden durch den musikalischen Gang von Bild zu Bild, der „Promenade“. Ravel bearbeitete den Zyklus für Orchester, was wesentlich zu seiner weiten Verbreitung beitrug.

Franck-Thomas Link


Franz Schuberts Sonate B-Dur D 960 ist seine letzte Sonate. Sie entstand in Schuberts Todesjahr 1828 und wurde erst zehn Jahre später veröffentlicht. Er war sich über seinen bevorstehenden Abschied im Klaren und sein Arbeiten war wohl immer von Gedanken und Gefühlen zu Leben und Tod begleitet.

Wie bei Beethovens Sonaten op. 109, 110 und 111 kann man auch bei Schubert schwerlich über eine der drei letzten Sonaten sprechen und die anderen unerwähnt lassen. Im Jahre 1828 schrieb Schubert neben den „Drei Klavierstücken op. post.“, die anmuten wie eine Kompositionsstudie von Themen und Melodien zur B-Dur-Sonate, noch die c-moll-Sonate, deren Hauptthema ein verstecktes Zitat der 32 Variationen in c-moll von Beethoven ist, und die A-Dur Sonate, deren langsamer Satz als Reminiszenz an die großen kadenzierenden Phantasien von CPE Bach und an Mozarts Opern-Rezitative zu verstehen ist. Vor dem Hintergrund, dass Schubert Abschied nimmt, stehen die drei letzten Sonaten in jeweils unterschiedlichem Licht, den Phasen langsamen Sterbens möglicherweise entsprechend. Die ersten beiden der drei letzten Sonaten stehen durch einerseits emotionalen, widerständlichen (c-moll-Sonate) und andererseits intellektuellen (A-Dur Sonate) Kampf um das Überleben der meist so zart und freundlich anmutenden B-Dur Sonate scheinbar entgegen.

Zu vermuten ist, dass Schubert den Kampf überwunden hatte und dem Tod in der B-Dur-Sonate freundlich begegnet, als hätten sich in ihm Gefühle von Vergebung und eine innere Bereitschaft gegenüber dem Tod eingestellt, die ihn zu den freundlichsten Melodien greifen lassen, die er in erfinden konnte. Bemerkenswert ist, dass das zunächst heiter wirkende Rondo-Thema des letzten Satzes nicht in der Grunddtonart B-Dur steht, sondern in der der Schicksalssinfonie, nämlich c-moll. Dahinter steckt eine Heiterkeit in erstem Gewande, die im letzten Satz dramatische Ausbrüche erfährt.

Vergleicht man die Themen der B-Dur Sonate miteinander, so stellt man fest, dass alle aus dem selben Tonmaterial, einer abfallenden Sekunde, gemacht sind. Eine abfallende Sekunde wird musikwissenschaftlich als Seufzermotiv bezeichnet. Die Themen der Sonate allerdings seufzen nicht, sie sind nur aus dem Stoff des Seufzers gemacht. Es ist, als ob Schubert uns nachhaltig mit seinen Melodien tröstet. Der Melodienreichtum dieser letzten und gleichzeitig größten Sonate, die Schubert überhaupt geschrieben hat, lässt an Liederzyklen wie „Die schöne Müllerin“ oder „Die Winterreise“ denken.

Anders als bei Beethoven, dessen letzte Sonate die klassische Sonatenform vollkommen durchbricht, haben wir es in Schuberts letzter Sonate mit der größten Vollendung dieser Formen zu tun. Es gibt Künstler, die die Vollendung bestehender Möglichkeiten zur inneren Aufgabe haben, man denke an Bach oder Haydn, und es gibt Künstler, die neue Möglichkeiten aufsuchen, man denke an Beethoven oder Schönberg. Die B-Dur Sonate ist in diesem Sinne ein vollendendes und vergebendes Werk. Schubert lässt uns mit seiner Misere, dass er jetzt stirbt, nicht einfach stehen. Er beendet sein Sonatenwerk und sein Leben mit Freundlichkeit aus Traurigkeit, mit heiteren Melodien aus dem Material des Seufzers.

Franck-Thomas Link