Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Backstage Concert

Musik zum Feierabend

Brahms-Solisten Hamburg



Laeiszhalle / Musikhalle Hamburg, Studio E


Backstage Concert - Musik zum Feierabend

Wir eröffnen die diesjährige Saison dieser Reihe der Laeiszhalle - Musikhalle Hamburg. Gleichzeitig ist dieses Konzert das Gründungskonzert der Brahms-Solisten Hamburg.

Anton Webern,
5 Sätze für Streichquartett op. 5 (1909)

Heftig bewegt
Sehr langsam
Sehr bewegt
Sehr langsam
In zarter Bewegung

Johannes Brahms,
Klavierquintett f-moll op. 34 (1862-1864)

Allegro non troppo
Andante un poco adagio
Scherzo und Trio (Allegro)
Poco sostenuto - Allegro non troppo


Das Restaurant "Zum roten Igel" in Wien war das Lieblingswirtshaus von Johannes Brahms. Dort hatte er im Keller sein eigenes Fäßchen Tokayer, an dessen Vertilgung er bei besonders guter Laune auch seine Freunde teilnehmen ließ. Legendär sich auch die riesigen Stücke Rostbraten, die Brahms - mit einer dicken Schicht gebratener Zwiebeln bedeckt - in Windeseile zu sich zu nehmen pflegte.

Anton Weberns höchstes Lebensprinzip war Bescheidenheit, zu der er erzogen worden war und aus der er später eine Tugend machte, als ihn materielle Not dazu zwang. Wenn sich Andere nach Proben an den Heurigen hielten, bestellte er sich allenfalls einen Mokka.

Webern komponierte Klangstenogramme von nie dagewesener Kürze, die in ihrer fragilen Gebärde so radikal waren wie Brahms' monumentale Musik. Aufs Molekül orientierte Arbeitsprozesse traten bei ihm an die Stelle expansiven Schaffensrausches.


In seinen 5 Sätzen für Streichquartett op. 5, die im Frühjahr 1910 in Wien durch das Rosé-Quartett uraufgeführt wurden, beschritt Anton Webern kompositorisches Neuland. Der Inhalt großer romantischer Werke des 19. Jahrhunderts ist hier quasi auf wenige Takte komprimiert.

Zwar sind im ersten Satz noch Spuren eines Sonatenhauptsatzes mit zwei Themen, einer Durchführung und einer Reprise zu erkennen. Webern hat jedoch den Satz so stark wie möglich "zusammengeschmolzen", indem er völlig auf Überleitungen und auf jede Art von Schörkeln und Verzierungen verzichtete. In den anderen vier Sätzen geht es vor allem um expressive musikalische Stukturen, die sich aus kleinen Motiven, Einzeltönen- und klängen zusammensetzen.

Webern erzielt hier höchste Ausdruckskraft, indem er Dynamik-Vorschriften vom dreifachen Forte bis zum vierfachen Piano staffelt, wodurch sich vorher nie gehörte Kontrastierungen ergeben. Er nutzt die ganze Vielfalt von Strichmöglichkeiten: col legno, am Steg, con sordino, Flageolett, staccato, pizzicato. Seine Vortragsschriften sind penibel, wechseln oft von Takt zu Takt, so daß sie beinahe den Charakter von Warnvorschriften annehmen. Er verlangt höchste Aufmerksamkeit vom Interpreten und selbst widersinnig Scheinendes wie Crescendo und Decrescendo, simultan in verschiedenen Instrumenten, muß realisiert werden, damit die gewünschte Hierarchie innerhalb des Stimmgefüges hergestellt wird.


Über die Jahre ist bei Brahms - sei es in der Klaviermusik, der Symphonik oder dem Liedschaffen - eine Steigerung in kompositorischer, inhaltlicher und formaler Hinsicht zu beobachten. Brahms war ein überaus selbstkritischer Komponist, der viele seiner Kompositionen, an denen er nur den geringsten Zweifel haben konnte, nicht veröffentlichte und sogar die Noten vernichtete. So erklärt sich, dass die Noten zur ursprünglichen Fassung des Klavierquintett op. 34 nicht mehr aufzufinden sind. Brahms hatte die ersten drei Sätze des Werkes als Streichquintett konzipiert und die Noten seinem Freund, dem Geiger Joseph Joachim, vorgelegt. Dessen Reaktion darauf war für Brahms bestürzend: "So wie das Quintett ist, möchte ich es nicht öffentlich produzieren - aber nur weil ich hoffe, du änderst hie und da einige selbst mir zu große Schroffheiten und lichtest hie und da das Kolorit ...".

Brahms' Reaktion auf diese freundschaftliche, aber vernichtende Kritik war typisch. Er arbeitete das komplette Werk um, zunächst in die große Sonate für zwei Klaviere in f-moll, die er als op. 34 b veröffentlichte und die heute zum Repertoire der Klavierduos gehört. Die Idee, doch wieder zu einer Fassung mit Streichern zurückzukehren und eine Synthese aus der ersten und der zweiten Fassung herzustellen, nämlich mit Klavier und Streichquartett, verdankte Brahms dem Dirigenten Hermann Levi, dem er sehr vertraute. Auf diese Weise dauerte die Arbeit am Klavierquintett op. 34 gut zwei Jahre. Die letzten Werke, die er zuvor für Klavier und Streicher geschrieben hatte, waren die beiden Klavierquartette op. 25 g-moll und op. 26 A-Dur, die beide 1861 entstanden waren. Das berühmte H-Dur Klaviertrio op. 8 war genau zehn Jahre vor dem Quintett uraufgeführt worden. Nach dem Quintett sollte die Klavierkammermusik - mit Ausnahme des Trios für Horn, Violine und Klavier op. 40 - für etwa 20 Jahre ruhen.

Verglichen mit den vorangegangenen Klavierquartetten op. 25 und op. 26 ist der Klang des Quintetts voluminöser, aber auch differenzierter. Das viersätzige Werk wird in der klassischen Klaviertriobesetzung (Geige, Cello und Klavier) eröffnet. In dieser viertaktigen Eröffnung, die mit Ritardando und Fermate quasi fragend und suchend stehen bleibt, wird nicht nur das erste Thema des Satzes vorgestellt. Bei eingehender Analyse wird vielmehr klar, dass das Tonmaterial dieser Einleitung für den Rest des gesamten Werkes von thematischer Bedeutung sein wird. Dieses Prinzip wurde nicht von Brahms erfunden, es findet sich häufig bei seinen Vorgängern wie beispielsweise Beethoven und Schubert. Brahms verschleiert diesen Vorgang jedoch so meisterhaft, daß man hier von einer Vollendung dieser Kompositionstechnik sprechen kann.

Der erste Satz ist ein Sonatenhauptsatz, in dessen umfangreicher Exposition alle Themengruppen des Satzes vorgestellt und gleich auch schon durchgeführt, d. h. variiert und / oder fortgesponnen werden. Die Exposition ist damit größer als die eigentliche Durchführung. Interessant ist, daß Brahms in der Reprise auf die anfängliche Triofassung des ersten Hauptthemas vom Anfang verzichtet, was den Zuhörer in einer wunderbaren Unsicherheit über den dramatischen Verlauf des Satzes hält.

Der zweite Satz ist mit einem großen, schlichten Lied vergleichbar, eigentlich sogar einem zweistimmigen Duett. Dieses wird zunächst vom Klavier gespielt und von den Streichern begleitet und nach einem etwas bewegteren Mittelteil mit teils vertauschten Rollen wieder aufgenommen.

Der dritte Satz ist ein typisch virtuoses Meisterwerk von Brahms. Brahms arbeitet scheinbar mosaikhaft mit drei verschiedenen Themengrupen, was sich aber im Verlauf des Satzes als blockartige Variationstechnik erweist. Am Anfang spielt er mit einem synkopierten, aufgeregten Element, das durch ostinate "Paukenschläge", die er dem Cello zuweist, getragen wird. An zweiter Stelle steht ein nervöses Thema mit punktierten Staccati und Sechzehntelfiguren. Im Laufe des Satzes gewinnt diese zweite Gruppe immer mehr an Bedeutung und die Nervosität des Anfangs entwickelt sich zu größter Dramatik im Fortissimo. Die dritte Themengruppe besteht aus einem schnellen, choralartigen Gesang in großen Akkorden, an die man wieder erinnert wird, wenn das Trio in C-Dur auftaucht. Das Trio scheint das Feuer des Scherzos ein wenig beruhigen zu wollen, es ist aber nicht von gänzlich anderem Charakter. Schließlich gibt es auch zu Anfang des Trios variierte "Paukenschläge" immer noch vom Cello, zu Ende in tatsächlich beruhigender Manier im Klavierbaß. Diese Paukenschläge scheinen wirklich stehen bleiben zu wollen, bis dann die Reprise des Scherzos losbricht und die ursprüngliche Aufregung letztlich im dritten Satz doch beherrschend bleibt.

Wie oft in großen, mehrsätzigen Werken von Brahms ist das Finale auch im Klavierquintett der zeitlich umfangreichste Satz. Neben vielen Reminiszenzen an die vorangegangenen Sätze läßt Brahms hier auch andere Werke anklingen. So beteuern einige Musikwissenschaftler die Ähnlichkeit der langsamen, fast improvisiert klingenden Einleitung des Finales mit der "Faust-Ouvertüre" von Richard Wagner, andere fühlen sich im Hauptthema des Satzes an Schuberts Grand-Duo für Klavier zu vier Händen erinnert. In der Anlage gibt es hie und da auch Ähnlichkeiten zum Finalsatz des Quintetts von Brahms' großem Freund und Förderer Robert Schumann. Dennoch ist dieses Finale ein absolutes Unikat, die oben erwähnten Anspielungen entspringen sicherlich Brahms' Absicht, die große, universelle Bedeutung seines Klavierquintetts op. 34 zu unterstreichen. Das Klavierquintett op. 34 ist der Gipfel der ersten Epoche der Klavierkammermusik von Johannes Brahms.

Franck-Thomas Link


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