Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

Werke von Beethoven, Schumann und Mendelssohn


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


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Ludwig van Beethoven,
Rondo a capriccio G-Dur op. 129 (Die Wut über den verlorenen Groschen)

Robert Schumann,
Arabeske op. 18 C-Dur

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Variations sérieuses op. 54 d-moll


"Ewas Lustigeres gibt es schwerlich, als diese Schnurre. Hab' ich doch in einem Zug lachen müssen, als ich's neulich zum ersten Male spielte. Wie staunt' ich aber, als ich beim zweiten Durchspielen eine Anmerkung las des Inhalts: Dieses unter L. v. Beethovens Nachlasse vorgefundene Capriccio ist im Manuskripte folgendermaßen betitelt: "Die Wuth über den verlornen Groschen, ausgetobt in einer Caprice." – O es ist die liebenswürdigste, ohnmächtigste Wuth, jener ähnlich, wenn man einen Stiefel nicht von den Sohlen herunterbringen kann und nun schwitzt und stampft, während der ganz phlegmatisch zu dem Inhaber oben hinaufsieht. – Aber hab' ich euch endlich einmal, Beethovener! – Ganz anders möcht' ich über euch wüthen und euch samt und sonders anfühlen mit sanftester Faust, wenn Ihr außer euch seid und die Augen verdreht und ganz überschwenglich sagt: B. [Beethoven] wolle stets nur das Ueberschwengliche, von Sternen zu Sternen flieg' er, los des Irdischen. "Heute bin ich einmal recht aufgeknöpft", hieß sein Lieblingsausdruck, wenn es lustig in ihm herging. Und dann lachte er wie ein Löwe und schlug um sich – denn er zeigte sich unbändig überall. Mit diesem Capriccio schlag' ich euch. Ihr werdet's gemein, eines Beethoven's nicht würdig finden, eben wie die Melodie zu "Freude schöner Götterfunken" in der D moll-Symphonie, ihr werdet's verstecken weit, weit unter die Eroika! Und wahrlich, hält einmal bei einer Auferstehung der Künste der Genius der Wahrheit die Waage, in welcher dies Groschencapriccio in der einen Schaale und zehn der neusten pathetischen Ouverturen in der andern lägen, – himmelhoch fliegen die Ouverturen. Eines aber vor Allem könnt Ihr daraus lernen, junge und alte Componisten, was vonnöthen scheint, daß man euch manchmal daran erinnere: Natur, Natur, Natur! –" (R. Schumann)


Schumanns "Arabeske" Opus 18 gehört zu den Fantasien und steht neben den beiden Einzelstücken "Blumenstück" Opus 19 und "Humoreske" Opus 20. In der literarischen Welt könnte man für die "Arabeske" in den Märchen Hoffmanns eine Entsprechung finden. Seltsamerweise sind vor allem die ersten beiden kleineren Kompositionen von den Biographen geringer eingeschätzt worden, als ihnen zukommt. Die freundliche poetische Grundstimmung erscheint wohl manchem nicht gewichtig genug, aber wenn man die Arabe ke als gefälliges Salonstück ohne tiefere Bedeutung abtut, so ist man in ihren eigentümlichen Geist nicht eingedrungen. Die leidlich bequeme Spielweise, die übersichtliche Rondo-Form des Stückes verhalf ihm bei Laien und Schülern zu einiger Popularität. Der Künstler wird in dem sanft webenden Hauptmotiv noch mehr finden als ein elegantes Linienspiel. Ein träumerisches Verzögern mischt ernstere Farben ein. Der Minore-Teil in reinem Quartettsatz steigert sich zu leidenschaftlicher Hingabe, die zwölf zum Hauptthema zurückleitenden Takte sprechen mit einer agogischen Freiheit zu uns, die nur Schumann wagen konnte. Die zarten Fragen des zweiten Minore werden von energischen, gravitätischen Marschrhythmen unterbrochen, als ob der Träumer plötzlich inmitten einer bürgerlichen Umwelt erwachte. "Zum Schluß" ein glückliches Versinken in die idealische Sphäre der Phantasie.


Die Variations sérieuses op. 54 gelten als das bedeutendste Werk für Klavier solo aus Felix Mendelssohn Bartholdys Feder. Das Thema steht im Andante sostenuto und ist wie ein klassischer Streichquartettsatz gebaut. In seufzenden Synkopen und Vorhalten wird der schmerzliche Charakter, der im Verlauf des groß angelegten Stücks trotz verschiedenster Veränderungen weitgehend erhalten bleibt, heraufbeschworen. Über den Titel wurde oft in der Fachwelt diskutiert, wobe unentschieden blieb, ob sich das „sérieux“ (frz. = ernst) auf den Charakter der Musik bezieht oder ob es sich um die Variationstechnik an sich handelt. Denn seit Beethoven hatte die Variationstechnik am Bedeutung gewonnen. Abgesehen von wenigen höchst prominenten Variationswerken, wie z.B. Bachs Goldberg-Variationen, galt bis Beethoven die Variationstechnik als eine eher spielerische Möglichkeit, ein Thema von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Beethoven hattte sich von dieser „losen Folge“ verabschiedet und seine großen Variationswerke zu fast durchgehenden dramaturgisch aufgebauten Gesamtsätzen gemacht. Das bedeutete auch, dass sich nun eine Variation oft aus der Struktur der vorangegangenen ergab, entweder durch weitere Durchführung oder eine starke Kontrastierung. So wurde für die Variationsform gewissermaßen revolutioniert und war nicht länger eine Spielerei, an der sich Komponisten üben konnten wie etwa Instrumentalisten an Etüden. Man kann also vermuten, dass Mendelssohn seinem Werk auch diesen Titel gegeben hat, um darin schon seine kompositionstechnische Absicht zu erklären, die zweifellos von Beethoven, insbesondere von dessen 32 Variationen in c-moll WoO 80, inspiriert war. Aufgrund der technischen Anforderungen an den Pianisten werden die Variations sérieuses oft bei internationalen Klavierwettbewerben als Pflichtstück ausgewählt. Sie sind gewissermaßen ein Katalog aller Klaviertechniken, die bis zur Entstehungszeit des Werkes existierten.

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