Grusel
Feierabendkonzert im Oberhafen
Der Nebel steigt, die Knochen klappern – Balladen und Sagen, zum Gruseln schön.
Wir haben sie alle im Kopf, die Textfetzen aus der Schule. Was man als Kind fürchtete, hört man als Erwachsener anders.
In diesem Feierabendkonzert erwachen Gedichte und Lieder von Schiller, Fontane, Schubert, Schumann u.a. zum Leben.
-
Susanne Georg, Rezitation
-
Ulrich Bildstein, Bariton
-
Franck-Thomas Link, Klavier
Tickets: 18 € im Online-Vorverkauf, 23 € an der Abendkasse, Mitglieder: 9 €
Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24, 20457 Hamburg
Grusel
Ich suche Zeichen, aber wofür? Was ist das Objekt meiner Lektüre? Ist es jenes: werde ich geliebt (nicht mehr geliebt, noch immer geliebt)? Ist es meine Zukunft, die ich zu lesen versuche, wenn ich in dem, was „geschrieben“ steht, die Verkündigung dessen entziffere, was mir zustoßen wird?
Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe
Wir kennen sie alle, die Zeilen aus dem Schulunterricht: „Walle! walle / Manche Strecke, / Dass, zum Zwecke, / Wasser fließe …“, „In seinen Armen das Kind war tot“. Oder Zeilen wie „Der Mond ist aufgegangen“, die wir vielleicht abends mit den Eltern gesungen haben.
Lange bevor wir sie verstanden, haben wir sie gefühlt: als Rhythmus, als Klang, als Angst. Es sind Fetzen, die sich in unser emotionales Gedächtnis eingeschrieben haben, Wendungen und Lautmalereien, die so intim in uns wohnen, dass sie selbst bei dementen Menschen oder auf dem Sterbebett noch präsent sind.
Regionen schöpfen Identität aus Geschichten wie dem Schimmelreiter. Landschaft wird durch sie gesehen und gedeutet. Und wer das eigene Leben erzählt, greift unwillkürlich oft zu Mustern aus Märchen und Sagen: Aufbruch, Prüfung, Verrat, Heimkehr. Aber: Wer spricht da eigentlich in uns? Selbst Grimms Märchen haben Autoren und Bearbeiter, die Stimme des Volkes ist eine redigierte Stimme.
Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss meinte, nicht die Menschen denken in Mythen, sondern die Mythen denken sich in den Menschen, ohne dass diese es wissen. Im „Erlkönig“ erklärt der Vater das Unheimliche weg, als Nebelstreif. Das Kind dagegen liest Zeichen und sieht, was kommt. Recht behält am Ende das Kind. Balladen und Gedichte sind Formeln, mit Nebel, Fieber und Nacht zu leben. Sie wirken im Körper, bevor sie im Kopf ankommen.
kammerkunst.de/1306/