Sog
Feierabendkonzert im Oberhafen
Zwei Komponisten, fast neunzig Jahre dazwischen, eine Gattung. 1796 erfindet der junge Beethoven die Cellosonate neu — und springt beim Spielen vor Begeisterung auf, um Cellist und Instrument zu umarmen. Aus dem krisengeschüttelten Norden antwortet Grieg, leidenschaftlich, dunkel, schön.
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Phillip Wentrup, Violoncello
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Franck-Thomas Link, Klavier
Tickets: 18 € im Online-Vorverkauf, 23 € an der Abendkasse, Mitglieder: 9 €
Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24, 20457 Hamburg
Ludwig van Beethoven,
Sonate g-moll op. 5 Nr. 2 für Violoncello und Klavier
Adagio sostenuto ed espressivo
Allegro molto piu tosto presto
Rondo: Allegro
Edvard Grieg,
Sonate a-moll op. 36 für Violoncello und Klavier
Allegro agitato
Andante molto tranquillo
Allegro
Die Sonaten für Violoncello und Klavier, wie Ludwig van Beethoven sie als kammermusikalische Novität einführte, markieren die endgültige Emanzipation des „kleinen Basses“, dessen Ursprünge bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen und der sich zunächst hauptsächlich mit der Generalbass- und Orchesterfunktion bescheiden musste. Nicht zuletzt war es eine Begegnung mit dem Virtuosen Jean-Luis Duport am preußischen Hof von König Friedrich Wilhelm II., die Beethoven dazu inspiriert hatte, sich näher mit diesem Instrument und der Komposition von Cellosonaten zu befassen – zuvor hatte das Violoncello bereits im aufkommenden Streichquartett sowie im Streichtrio die Rolle des Bassfundamentes übernommen.
Seine beiden für den Berliner Hof komponierten Duosonaten op. 50 stellen die bahnbrechenden Erstlinge der klassischen Celloliteratur dar. Die g-moll-Sonate, das zweite der beiden Werke, stellt das dunkle Gegenstück zur op. 5 Nr. 1 dar. Ihr ist eine besondere – möglicherweise an Luigi Boccherini orientierte – formale Anlage eigen: Zum Allegro des ersten Satzes führt eine weitgespannte, fantasieartige Adagio-Einleitung, die einen langsamen Mittelsatz entbehrlich macht oder, genau genommen, sogar vorwegnimmt: scharf punktierte Rhythmen und schmerzliche melodische Wendungen künden von innerer Gespanntheit, die sich im anschließenden, konfliktreich verlaufenden Allegro molto piu tosto presto mit seinen treibenden Achtel- und Triolenbewegungen in leidenschaftlichen Ausbrüchen entlädt. Das Final-Rondo ist mit seinem markanten Refrainthema weiß vom Pathos des ersten Satzes nichts mehr: Es führt zurück in die heitere, verspielte Welt des galanten Zeitalters, allerdings angereichert mit einigen verschärften Akzenten, die dann doch Beethovens kraftvolle Handschrift verraten.
Beide dem preußischen König gewidmeten Cellosonaten wurden im Februar 1797 gedruckt und erschien im Artaria-Verlag. Jean-Louis Duport zeigte sich erfreut, als von Beethoven Abschriften der beiden Cellosonaten op. 5 erhielt. Im Rahmen einer Begegnung Beethovens mit dem Kontrabassisten Dominico Dragonetti in Wien ist eine Uraufführung der g-moll-Sonate durch beide Musiker bekannt, wobei sich Beethoven von Dragonettis spielerischen Fähigkeiten begeistert gezeigt haben soll.
Frank Schlatermund
Edvard Grieg hat nur eine einzige Sonate für Violoncello und Klavier geschrieben – und war mit ihr unzufrieden. „Sie stellt keinen Fortschritt in meiner Entwicklung dar“, schrieb er 1903. Das Publikum sah das anders, und tut es bis heute.
Entstanden im Winter 1882/83, in einer Krisenzeit: Grieg hatte seine Dirigentenstelle aufgegeben, ein zweites Klavierkonzert aus Mangel an Inspiration abgebrochen und notiert, er sei „seelisch wie körperlich krank“ und beschließe „jeden zweiten Tag, keine Note mehr zu komponieren“. Herausgekommen ist trotzdem sein umfangreichstes Kammermusikwerk. Die a-moll-Sonate ist seinem Bruder John gewidmet, einem versierten Cellisten — und sie stiftete, so erzählt man, Frieden zwischen den beiden, die einst um dieselbe Frau konkurrierten.
Beide Instrumente begleiten einander nicht — sie musizieren als gleichberechtigte Partner. Das Allegro agitato des ersten Satzes entwickelt sich aus einem markanten Hauptthema von großer Ausdruckskraft, das Cello und Klavier gemeinsam in den Raum stellen und von allen Seiten befragen. Im Andante molto tranquillo entfaltet Grieg eine weit gespannte, gesangliche Melodie — von jener Melancholie durchzogen, die bei ihm nie zur Sentimentalität wird, weil sie zu ehrlich ist. Das finale Allegro greift Motive des Anfangs wieder auf, verwandelt: als hätte das Material den langsamen Satz durchlaufen und dabei an Tiefe gewonnen.
Die Uraufführung spielte Grieg am Klavier, den Cellostimme übernahm Friedrich Grützmacher — der Widmungsträger John war dem Werk technisch nicht gewachsen. Noch 1906, ein Jahr vor seinem Tod, spielte Grieg die Sonate mit Pablo Casals, den er einen „großen, großen Künstler“ nannte.
kammerkunst.de/1305/