Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Lunchkonzert

Kammermusik für die Mittagspause

Die Reihe „Lunchkonzerte in der Handelskammer Hamburg“ ist eine Kooperation von Handelskammer Hamburg und Hamburger Kammerkunstverein. Wegen Bauarbeiten in der Handelskammer wandern die Lunchkonzerte im Jahr 2025 an verschiedene Orte der Stadt. Wir laden wieder ein nach Harvestehude / Grindel in die St. Andreas-Kirche.

HVV: Bus-Haltestelle Bezirksamt Eimsbüttel



Der Eintritt ist frei. Wir freuen uns über Spenden.


St. Andreas Harvestehude, Bogenstraße 26-30, 20144 Hamburg


St. Andreas Harvestehude


Wolfgang Amadeus Mozart,
Klavierquartett g-moll KV 478

Allegro
Andante
Rondo. Allegro moderato


Wien, 1785. Wolfgang Amadeus Mozart steckt mitten in seiner erfolgreichsten Phase – und schreibt ein Werk, das zum kommerziellen Desaster wird. Der Verleger Franz Anton Hoffmeister hatte sich eine Serie von Klavierquartetten für Liebhaber erhofft, für jene Amateure, die sich teures Notenmaterial leisten konnten. Was Mozart im Oktober 1785 abliefert, sprengt jedoch jeden Rahmen des Erwartbaren.

Das Klavierquartett g-moll KV 478 beginnt mit einem Paukenschlag – einem Unisono-Ausbruch aller vier Instrumente, der mehr an eine Sinfonie als an Kammermusik erinnert. Mozart wählt g-moll, jene Tonart, die er für seine dunkelsten Gedanken reserviert: Nur zwei seiner 41 Sinfonien stehen in Moll, beide in g-moll. Hier entsteht kein harmloses Salon-Stück, sondern ein Drama in drei Akten.

Die eigentliche Herausforderung liegt in der Besetzung selbst: Wie bringt man ein Klavier mit drei Streichinstrumenten ins Gleichgewicht? Mozart löst dies radikal – er macht alle vier zu gleichberechtigten Solisten. Die Violine übernimmt mal die Melodieführung, mal das Klavier, manchmal führt sogar die Viola das musikalische Geschehen an. Diese ständigen Rollenwechsel, gepaart mit kontrapunktischer Verwebung, erfordern von allen Beteiligten höchste Aufmerksamkeit und technische Brillanz.

Der erste Satz (Allegro) trägt das markante Eröffnungsmotiv durch die gesamte Sonatenform. Statt weiträumiger Modulationen intensiviert Mozart das Drama durch die beharrliche Rückkehr zur Grundtonart – er bohrt sich tiefer statt auszuschweifen. Zeitgenossen empfanden dies als einen von Mozarts komplexesten und leidenschaftlichsten ersten Sätzen.

Das Andante in B-Dur bietet lyrischen Kontrast mit sanglichen Melodien und zarter Chromatik. Mozart schenkt hier jeder Stimme solistische Momente – selbst das Violoncello darf singen.

Das Finale überrascht: Entgegen der üblichen Praxis bei Moll-Werken etabliert Mozart sofort strahlendes G-Dur. Das ausgedehnte Rondo präsentiert melodischen Reichtum von fast opernhafter Qualität. Nur eine zentrale Episode erinnert an die Schatten des ersten Satzes, bevor die Heiterkeit endgültig siegt.

Hoffmeister erkennt schnell: Dieses Werk lässt sich nicht verkaufen. Zu schwierig für Amateure, zu ungewöhnlich für den Geschmack der Zeit. Ein zeitgenössischer Kritiker schrieb 1788, bei Amateuraufführungen habe das Publikum „vor Langerweile über dem unverständlichen Tintamarre (Lärm/Getöse)“ gegähnt. Die geplante Serie endet nach dem ersten Quartett.

Mozart schreibt trotzdem 1786 ein zweites Klavierquartett (KV 493 in Es-Dur), diesmal für einen anderen Verleger. Das g-moll-Quartett aber bleibt sein radikalster Vorstoß in diese Gattung: ein Werk, das die Grenzen der Kammermusik neu definiert. Im 19. Jahrhundert wendete sich das Blatt – Robert Schumann, Johannes Brahms und Antonín Dvorák komponierten alle Klavierquartette nach Mozarts Vorbild und machten die Gattung salonfähig. Was damals als unverkäuflich galt, gehört heute zu den meistgespielten Werken der Klavierkammermusik.


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