Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Marktkonzert in St. Katharinen

„Marktphantasien“

W. A. Mozart, Fantasie c-moll KV 475
CPE Bach, Fantasie fis-moll WQ 67
W. A. Mozart, Fantasie d-moll KV 397

Unser lieber Freund Nicholas Ashton, der als Pianist für dieses Konzert vorgesehen war, steckt leider im Corona-Risikogebiet Schottland fest. Thommy Link sorgt für ein würdiges Alternativprogramm.

Wegen Bauarbeiten in der Handelskammer Handelskammer weichen die Lunchkonzerte aus. Danke, St. Katharinen, für temporäres Asyl!



Der Eintritt ist frei.


Hauptkirche St. Katharinen, Katharinenkirchhof 1, 20457 Hamburg


Wolfgang Amadeus Mozart,
Fantasie c-moll KV 475

Adagio
Allegro
Andantino
Più Allegro
Primo tempo

Carl Philipp Emanuel Bach,
Freye Fantasie fürs Clavier fis-moll H 300 (Wq 67), 1787

Sehr traurig und ganz langsam (Adagio)
Allegretto
Largo

Wolfgang Amadeus Mozart,
Fantasie d-moll K 397/385g

Andante
Allegretto


Mozarts Fantasie c-moll KV 475, entstanden im Mai 1785 und zusammen mit der Sonate KV 457 veröffentlicht, gehört zu seinen kühnsten Klavierwerken. Gewidmet wurde sie Therese von Trattner, einer seiner fortgeschrittenen Klavierschülerinnen. Obwohl der Titel eine freie, improvisatorische Form suggeriert, ist das Werk sorgfältig gebaut: Es entfaltet sich in mehreren kontrastierenden Abschnitten, deren wechselnde Tempi und Tonarten einen inneren dramatischen Bogen spannen. Der Beginn im Adagio zeichnet eine düstere, suchende Atmosphäre; chromatische Linien, häufige Vorzeichen und ein absteigender Bass schaffen ein Gefühl instabiler Harmonie. Auch der kurze Lichtschein einer Modulation nach Dur wirkt eher fragil als tröstlich. Das anschließende Allegro bricht eruptiv hervor, treibt durch entfernte Tonarten und verschärft die innere Unruhe. Erst das Andantino in B-Dur bietet einen vorübergehenden Ruhepol: eine schlichte, lyrische Geste, die den expressiven Kern des Werks jedoch nicht aufhellen kann. Im folgenden Più Allegro verdichtet Mozart die Harmonik erneut, die Musik drängt vorwärts, zersplittert sich beinahe und verliert sich in raschen Modulationen. Schließlich kehrt das Anfangsmaterial wieder – nicht als Triumph, sondern als Wiederaufnahme einer unerlösten Frage. Die Rückkehr nach c-moll wirkt wie ein ernüchterter Blick auf die Ausgangslage: keine Befreiung, aber eine eindringliche Klarheit.

Charakteristisch für die Fantasie ist die Spannung zwischen improvisatorischer Oberfläche und tief organisierter Struktur. Mozart arbeitet mit motivischen Keimzellen, darunter einer chromatisch fallenden Linie und lydisch aufgerauten Intervallen, die das Werk wie unterschwellige Signale durchziehen. Harmonik und Form greifen ineinander, sodass selbst impulsive Gesten Teil einer übergeordneten Architektur bleiben. In dieser Verbindung von dramatischer Freiheit und struktureller Präzision liegt das modern wirkende Moment des Stücks; manche Analysen sprechen von einer Art „Zukunftsmusik“, weil Mozart hier Ausdrucks- und Harmonieformen erprobt, die weit über das gängige Klangidiom der 1780er Jahre hinausreichen. Die Fantasie KV 475 gilt daher nicht nur als eine der dunkelsten, sondern auch als eine der vorausweisendsten Kompositionen Mozarts – ein Werk, dessen emotionale Dichte und formale Kühnheit bereits die romantische Klaviermusik vorwegnehmen.


Carl Philipp Emanuel Bachs Klavierfantasien sind von beispielloser Spontaneität und ziehen Spieler und Zuhörer mit magischer Kraft in die Geistes- und Seelenwelt des Komponisten hinein. Sie sind voll von wechselnden musikalischen Augenblicksbildern, Stimmungsgegensätzen und dramatischen Kontrasten. In seiner Fantasie fis-moll, die ein Jahr vor seinem Tode entstand, stellt Bach zunächst die drei musikalischen Hauptelemente (Adagio, Largo sowie kadenzartige Läufe und Arpeggien) vor und verwebt sie in freier Form miteinander. Den Begriff „Fantasie“ benutzt er mehr im Sinne von „Improvisation“ („quasi improvisando“), und liefert hier das Paradox einer völlig auskomponierten Improvisation. Die formalen Freiheiten, die er sich dabei nimmt, waren zu seiner Zeit radikal neu und finden sich zum Teil erst in der avantgardistischen Musik unserer Tage wieder. Beispielsweise werden in weiten Teilen der Kadenzen die Taktstriche einfach weggelassen, wodurch das feste Metrum, das zu den Grundbausteinen der europäischen Musik gehört, völlig verschwindet. CPE Bachs empfindsamer Stil öffnete das Tor zu einer neuen Epoche, der Klassik - man denke besonders an Beethovens Klaviermusik.

Franck-Thomas Link


Mozarts d-moll Fantasie K 397/385g gehört zu seinen berühmtesten Klavierstücken. Sie ist zweiteilig. Der erste Teil ist ist eine Improvisation über ein trauriges Thema in d-moll, das nach einer mysteriösen Introduktion vorgestellt wird. Der zweite Teil wirkt im hellen D-Dur wie ein tröstliches Gegengewicht zur düsteren Welt der ersten Hälfte des Werkes. In beiden Teilen sind die auskomponierten Kadenzpassagen, die die gesamte Klaviatur beanspruchen, besonders markant.

Mozarts d-moll-Fantasie ist die kleinste Oper, die ich kenne und eines der tröstlichsten Klavierstücke, die je auf meinem Pult gelegen haben. Obwohl sie musikalisch und technisch sehr hohe Anforderungen an den Interpreten stellt, bekommt fast jeder Klavierschüler diese Fantasie irgendwann einmal als Hausaufgabe. Vielleicht ist das auch ein Grund für die große Beliebtheit dieser Fantasie.

Franck-Thomas Link


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