Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Portait Beethoven

Beethovens Musik seiner zweiten und dritten Schaffensphase und der Übergang von der einen zur anderen.


Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Klaviersonate E-Dur op. 109

Variationen für Violoncello und Klavier über "Ein Mädchen oder Weibchen" op. 66

oder

Variationen über "Bei Männern, welche Liebe fühlen" WoO 46

Sonate für Violine und Klavier c-moll op. 30 Nr. 2

Pause

Erzherzogtrio op. 97


Das Programm "Portait Beethoven" ist sehr vielseitig, obwohl lediglich die Musik eines einzigen Komponisten erklingen wird. Man unterscheidet in Beethovens Schaffen drei Perioden: den frühen, mittleren und späten Beethoven. Hinter diesen Kategorien versteckt sich die umfangreiche Entwicklung, die Beethoven im Laufe seines Lebens als Komponist und Bühnenkünstler durchgemacht hat. In diesem Konzert fokussieren die Brahms-Solisten Hamburg vor allem die zweite und dritte Periode und den Übergang von der einen zur anderen.

Die Sonate für Klavier E-Dur op. 109 stammt aus seiner späten Periode, in der er bereits völlig taub war, und erschien Ende 1821. Zu den Stücken dieser Periode gehören u.a. die letzten fünf Klaviersonaten, die 9. Sinfonie, die späten Streichquartette und die "Missa Solemnis". Seine Taubheit zwang Beethoven dazu, sich völlig aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Einsame Kuren auf dem Lande, zeitraubende und wenig erfolgreiche ärztliche Behandlungen und ein zerrüttetes Familienleben vergrößerten sein Elend. Dieses Rückzugs war Beethoven sich sehr bewusst (s. das sogenannte "Heiligenstädter Testament"). Mit seiner Musik und seinen Konzerten als Pianist hatte er großen Erfolg gehabt. Nun entwickelte sich aus der inneren Kraft, seine Taubheit zu ertragen, ein ganz neuer Kompositionsstil.

Das Komponieren, das für ihn unhörbare Meditieren am Klavier wurden zum Überlebensinhalt, nur möglich durch sein inneres Ohr, das trotz der Krankheit ungebrochen weiterarbeitete. In Taubheit und Einsamkeit eröffneten sich ihm neue, unerhörte musikalische Räume.

Beethoven hat sich sein ganzes Leben lang immer mit der Form der Sonate beschäftigt. Seine ersten Sonaten veröffentlichte er bereits im Alter von 13 Jahren. Für das Klavier hat er insgesamt 32 Sonaten, für Violine und Klavier zehn, und für Cello und Klavier fünf Sonaten geschrieben – eine gewaltige Zahl. Dazu kommen noch einige andere Kammermusiken, die Klavierkonzerte und das Violinkonzert, die ähnlich wie bei Haydn und Mozart in den Kopfsätzen erweiterte Sonatenformen darstellen. Kaum jemand war je mit der Form der Sonate so vertraut wie Beethoven. Dadurch konnte er in seiner letzten Schaffensphase durch vollkommene Ausnutzung und tiefe Kenntnis dieser Form gewissermaßen über die Konvention der Sonatenhauptsatzform hinauswachsen. Über der E-Dur-Sonate liegt formal eine Art Schleier, der sich bei näherer Betrachtung nicht als zufälliger Umgang mit der Form erweist, sondern als deren meisterhafte Komprimierung und Erweiterung.

Im Zentrum des Werkes steht der dritte Satz, genauer: das Thema dieses Variationssatzes. Es wird zu Beginn des Satzes mit Wiederholungen vorgestellt. Das erste Thema, eine herrliche, sehr verinnerlichte Melodie, die aus einer ähnlichen Sphäre stammt wie der langsame Satz des c-moll-Klavierkonzerts, ist wie ein choralartiger Streichersatz gesetzt. Die Wiederholungen beider Teile dieses Chorals bekommen im Verlauf der Variationen immer größere Bedeutung. Eigentlich sind es nur sechs Variationen, z. T. jedoch Doppelvariationen. Beethoven nutzt die Wiederholungen aus, um die Verdichtung und Dramatisierung des Adagio-Themas immer weiter und mächtiger voranzutreiben. Er beleuchtet das Thema von allen Seiten, indem er Tempo und Dynamik nutzt, bis er das ursprünglich so schlichte Thema praktisch demontiert hat und es sich kurz vor Ende des Satzes nach einem dramatischen Fugato in Trillern, Läufen und Arpeggien auflöst. Die Musik scheint zu explodieren, ein weiteres Fortkommen unmöglich. Da leuchtet plötzlich das Thema in seiner ursprünglichen Einfachheit wieder auf, dieses Mal ohne Wiederholungen, ohne Frage, ohne Antwort.

Schon der Anfang der Sonate ist irreführend. Sie beginnt mit einem Vivace, das allerdings von einem frei improvisiert wirkenden Adagio unterbrochen wird. Man glaubt für einen kurzen Mo-ment, sich in einer Fantasie im Stile C. P. E. Bachs oder Mozarts zu befinden. Tatsächlich aber ist dieser Satz ein echter Sonatensatz, das Vivace stellt den Hauptsatz, das Adagio den Nebensatz dar.

Eine andere Art von Verschleierung findet sich auch im zweiten Satz. Dort steht ein Prestissimo statt des üblichen langsamen Satzes. Dieses Prestissimo wirkt wie der Kopfsatz einer großen e-moll-Sonate; der erste Satz klingt in der Erinnerung plötzlich wie eine Einleitung. Beethoven scheint diese beiden Sätze, die er auch nicht durch den üblichen Doppelstrich voneinander trennte, als Musik geschrieben zu haben, die es ermöglicht, sich für die große innere Reise des dritten Satzes zu öffnen.

Die Variationen für Violoncello und Klavier, die auf Themen aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" zurückgehen, stammen aus der mittleren Periode Beethovens. Beide Zyklen, die alternativ im Programm "Portrait Beethoven" gespielt werden können, entstanden um die Jahrhundertwende, die Variationen über "Ein Mädchen oder Weibchen" erschienen 1798, die über "Bei Männern, welche Liebe fühlen" 1801. In dieser Zeit, der mittleren Periode, war Beethovens Musik zum großen Teil davon bestimmt, dass Beethoven selbst viel konzertierte und den Status eines Stars in Wien genoss. Dementsprechend konzertant war die Musik, die er in diesen Jahren schrieb. Der große Reiz dieser Werke besteht in dem Kontrast zwischen populären, volksliedhaften Themen und höchstem kompositorischen Anspruch in der Behandlung der Variationsform. Beide Zyklen zeichnet klangliche Ausgewogenheit und makellose Eleganz aus.

Im Gegensatz dazu steht die Sonate c-moll op. 30 für Klavier und Violine von 1802. Die Tonart c-moll taucht bei Beethoven meist in hochdramatischem und düsterem Zusammenhang auf. Man denke an die fünfte Sinfonie, das dritte Klavierkonzert und die Klaviersonate Pathétique, um nur einige zu nennen. Wesentlich für diese Werke sind unerbittliches Vorwärtsdrängen, die Sturm und Drang-artige Elektrizität und der philosophische Zugriff. Dementsprechend extrem sind die dynamischen Vortragsbezeichnungen in dieser Sonate. Das hochdramatische Hauptmotiv des ersten Satzes, aus dem sich der ganze Satz entwickelt, taucht in Beethovens Schaffen später noch einmal auf: Es ist, nach F-Dur transponiert, das heitere Kopfmotiv der achten Symphonie.

Das "Erzherzogtrio" op. 97 komponierte Beethoven 1811. Es ist Erzherzog Rudolph von Österreich gewidmet, zu dem Beethoven eine enge Beziehung hatte. Rudolf war ein großer Kunstfreund und Förderer. Er spielte selbst Klavier und komponierte. Er war der prominenteste Schüler Beethovens, dem er eine jährliche Rente von 1.500 Talern zahlte, um ihn in Wien zu halten. Beethoven widmete seinem Freund und Gönner mehr Kompositionen als jedem anderen.

Das Trio op. 97 war Beethovens letzte vollendete Triokomposition. Ähnlich wie bei seiner neunten Sinfonie und den letzten Streichquartetten kann auch dieses Werk als Bilanz und Höhepunkt von Beethovens Schaffen in der jeweiligen Besetzung gelten.

Die Tonart B-Dur verwendete Beethoven in seinen letzten 20 Lebensjahren nur in noch zwei anderen Werken, der "Hammerklaviersonate" op. 106 und dem ursprünglich als Einheit angelegten Streichquartett mit "Großer Fuge" op. 130/133. Diese drei Werke markieren in Beethovens Biographie immer einen Neuanfang nach längeren Kompositionspausen, die von persönlichen und künstlerischen Krisen erzwungen waren.

Jeder der vier Sätze ist in seiner Ausdehnung, Form und kompositorischen Dichte ein geschlossener Kosmos. Der Kopfsatz ist ein klassischer Sonatensatz, Scherzo und Trio sowie der langsame Variationssatz sind wie der Kopfsatz quasi modellartig, und auch das Rondo-Finale ist formal typisch. Allerdings bedingen sich die Sätze in ihrer Anordnung und in ihrer ungewöhnlichen Reihenfolge: An der Stelle, an der normalerweise der langsame Satz zu finden ist, steht hier das Scherzo. Mit diesem Kunstgriff zögert Beethoven den langsamen Variationssatz hinaus und steigert damit dessen Tiefsinnigkeit und Schönheit. An den langsamen Satz schließt sich ohne Unterbrechung das äußerst virtuose Finale an.

In seiner letzten Schaffensphase war für Beethoven von wesentlicher Bedeutung, bestehende Formen zu überwinden, d. h. sie musikalisch so tief zu durchdringen, dass dadurch ganz neue formale Grundsätze entstehen konnten. Vor diesem Hintergrund mutet das B-Dur Trio an wie Beethovens letzte Bestandsaufnahme althergebrachter Formen, bevor er diese nach allen Regeln der Kunst zerbrach.


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