Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Brahms und Messiaen

Ein Doppelportrait zweier großer Grammatiker.

Im Jahr 2008 feierte Johannes Brahms seinen 175. Geburtstag, Olivier Messiaen wurde 100. Grund genug, die beiden großen Komponisten mit einem besonderen Konzertprogramm zu würdigen.


Johannes Brahms (1833 - 1897)

Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 G-Dur op. 78 (1878)

Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello op. 114 (1891)

Pause

Olivier Messiaen (1908 - 1992)

Quattuor pour la fin du temps (1940/41)


Brahms und Messiaen sind Repräsentanten vollkommen verschiedener Musikstile und Epochen und haben auf den ersten Blick keine auffälligen Gemeinsamkeiten. Die Arbeitsweisen der Jubilare jedoch ähnelten einander stark: Beide Komponisten konsultierten immer wieder die Partituren ihrer Vorgänger. Schon mit acht Jahren studierte Messiaen Opernpartituren von Mozart, Gluck und Wagner. Brahms hatte beim Komponieren immer die Partituren seiner großen Vorbilder Beethoven, Mozart und Bach auf seinem Schreibpult liegen.

Die genaue Kenntnis der bestehenden Musik wirkte auf die beiden Komponisten sehr unterschiedlich. Brahms perfektionierte die vorhandene Grammatik des Komponierens handwerklich und gilt als Vollender der romantischen Tradition. Nicht zufällig war es für seine Nachfolger notwendig, mit der Tonalität zu brechen und die Zwölftontechnik zu erfinden. Messiaen dagegen traf auf eine musikalische Landschaft, in der die französischen Impressionisten die Dur-Moll-Bezüge gerade frisch aufgelöst hatten. Er erweiterte diese neuen Klangwelten, indem er eigene Modi erfand, in denen sich seine innere Empfindungswelt widerspiegeln konnte: "Mein heimliches Verlangen nach feenhafter Pracht in der Harmonie hat mich zu diesen Feuerschwertern gedrängt, diesen blau-orangenen Lavaströmen, diesen Planeten von Türkis, diesen Wirbel von Tönen und Farben in einem Wirrwarr von Regenbögen." (Messiaen, "Die Technik meiner musikalischen Sprache")

Die erste Violinsonate von Johannes Brahms entstand, als er die Hoffnung, doch noch in seiner Heimatstadt Hamburg eine Anstellung zu finden, aufgegeben hatte. Er lebte in Wien und wurde dort - teils zu seinem Glück, teils zu seinem Unglück - als Nachfolger Beethovens gefeiert. Brahms knüpft mit seiner ersten Violinsonate (G-Dur, op. 78) unmittelbar an Beethovens letztes Werk dieser Gattung (G-Dur, op. 96) an. Er verwendet beispielsweise die selbe Tonartenfolge wie Beethoven (G-Dur - Es-Dur - g-moll - G-Dur). Noch auffälliger sind aber die Unterschiede zu Beethovens Partitur: das Wegfallen des Scherzos und die "Poetisierung" des Textes. So ist der letzte Satz ist eine Meditation über zwei, schon 1873 komponierte Lieder ("Regenlied" op. 59 Nr. 3, und "Nachklang" op. 59 Nr. 4, beide auf Texte von des Brahmsfreundes Klaus Groth), worauf sich der manchmal für das Werk verwendete Name "Regenliedsonate" bezieht. Das Werk entstand in den Sommern der Jahre 1878 und 1879 in Pörtschach am Wörthersee und wurde schon am 8. November 1879 in Bonn von dem Ehepaar Marie Heckmann-Hertwig (1843 - 1890), Klavier, und Robert Heckmann (1848 - 1891), Violine, uraufgeführt.

Das Trio für Klavier, Klarinette und Violoncello op. 114 entstand 1891. Eigentlich hatte Johannes Brahms im Jahre 1890 mit der Komposition seines Streichquintetts op. 111, das bezeichnenderweise die selbe Opus-Zahl wie Beethovens letztes Werk für Klavier trägt, innerlich mit dem Komponieren abgeschlossen. Die Opera 112 und 113 sind kleinere, schon wesentlich früher komponierte Vokalwerke. Allerdings revidierte Brahms seine Überzeugung schlagartig, als er 1891 den Klarinettisten Richard Mühlfeld kennenlernte. Am 17. März 189l schrieb Johannes Brahms aus Meiningen an Clara Schumann: " ... man kann nicht schöner Klarinette blasen, als der hiesige Herr Mühlfeld tut". Der ersehnte Ruhestand konnte nun doch nicht stattfinden, Brahms komponierte noch vier wichtige Werke, die die Klarinette in ihr Zentrum stellten. Zunächst das Trio mit Klavier und Violoncello, fast gleichzeitig das Klarinettenquintett op. 115 (mit Streichquartett und Klarinette) (1891), und später noch die beiden Sonaten für Klarinette und Klavier op. 120 (1994). Das Trio op. 114 ist, verglichen mit den drei anderen Werken, düsterer und wird, im Schatten des sehr populären Quintetts, relativ selten öffentlich gespielt. Allerdings war die erste öffentliche Aufführung des Werkes in Berlin, bei der Brahms selbst am Klavier saß, einer der großen Triumphe des Komponisten am Ende seines Lebens.

Messiaen schrieb sein "Quartett für das Ende der Zeit" im Kriegswinter 1940/41 als Kriegsgefangener im schlesischen Görlitz, die Uraufführung fand vor über 5000 Gefangenen statt. Der Komponist saß selbst am Klavier und berichtete später, nie wieder danach habe er ein Publikum erlebt, das mit solcher Aufmerksamkeit und so viel Verständnis zuhörte. Messiaen sagte später über das Werk, es umschließe "alles, was ich geliebt habe und noch immer liebe".