Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Pianissimo I

Klassik im Tunnel - Matineekonzert in der Gallery Mytoro

Franck-Thomas Link

„Kleine Formen - große Formen“

Werke von Claude Daquin, Ludwig van Beethoven, Edvard Grieg, Frédéric Chopin, Eric Satie, Richard Wagner, Alexander Scriabin, Frederic Mompou Musica, Johann Sebastian Bach und Franz Schubert



Gallery Mytoro und Hamburger Kammerkunstverein laden ein zur 2. Saison der Kammermusikreihe „Klassik im Tunnel“.

Der Eintritt ist frei, für das leibliche Wohl wird gesorgt. Die Anzahl der Plätze ist begrenzt, wir bitten um telefonische Reservierung bei der Gallery Mytoro unter 040 / 55431313 oder per Email unter gallerist@mytoro.de.


Gallery Mytoro, Lüneburger Straße 1a, 21073 Hamburg, Gloriatunnel, Bhf. Harburg, Ausg. Moorstraße, beim Cinemaxx


Kleine Formen - große Formen

Claude Daquin, „Le Coucou“
Ludwig van Beethoven, „Ecossaises“ WoO 83
Wolfgang Amadeus Mozart Fantasie d-moll KV 397
Frédéric Chopin, Walzer a-moll op. posth. P2 Nr. 11
Eric Satie, Gymnopédie Nr. 1
Frederic Mompou, Musica Callada Nr. 1
Alexander Scriabin,Prélude op. 15 Nr. 4
Richard Wagner, Elegie As-Dur „Schmeichelnd“

Johann Sebastian Bach,
Partita II c-moll BWV 826 für Klavier

Sinfonia
Allemande
Courante
Sarabande
Rondeaux
Capriccio

Franz Schubert,
Klaviersonate B-Dur D 960

Molto moderato
Andante sostenuto
Scherzo - Allegro vivace con delicatezza
Allegro, ma non troppo


Im Programm „Kleine Formen - große Formen“ stellt der Pianist Franck-Thomas Link Werke von extrem unterschiedlicher Dauer gegenüber. Im ersten Teil des Konzertes geht es um voneinander völlig unabhängige Miniaturen. Es handelt sich dabei entweder um stilisierte Tänze, wie die Schottischen Tänze (Ecossaises) von Beethoven und der Walzer in a-moll von Chopin, oder um zum Teil sehr kurze Charakterstücke, die für das Klavier-Repertoire ganz typisch sind. Auffällig ist, dass ausgerechnet das kürzeste Klavierstück, das Franck-Thomas Link finden konnte, von Richard Wagner stammt, der sich ja in seinen Opern eher auf sehr große Formen verstand.

Im zweiten Teil des Konzertes erklingt die 2. Partita in c-moll von Johann Sebastian Bach. Eine Partita (oder auch Suite) ist ein mehrsätzige Sammlung von stilisierten Tänzen, denen in der Regel ein großes Vorspiel (hier: Sinfonia) vorangeht. Das bedeutet, dass mehrere kleine Formen zu einem großen Werk zusammengesetzt sind.

Im dritten Teil spielt Frank-Thomas Link die letzte Sonate von Franz Schubert. Dieses Werk ist in seiner Ausdehnung eines der größten Werke für Klavier. Wesentlich dabei ist auch, dass die vier Sätze der Sonate (anders als in der Bach-Partita) thematisch eng mit einander verbunden sind.

Franck-Thomas Link


Johann Sebastian Bach war bekanntermaßen ein wichtiger Komponist seiner Zeit, dessen Bedeutung aber erst nach seiner Wiederentdeckung durch Mendelssohn Bartholdy eingeordnet werden konnte. Dass er ein großer Pädagoge war, ist sogar dem heutigen Publikum nicht immer bewusst. Er hat nicht nur seine Söhne, die sich zu Lebzeiten größeren Rufes als ihr Vater erfreuten, ausgebildet, sondern er hat als Lehrer systematisch gearbeitet.

Die Partiten sind Teil von Bachs „Clavierübungen“. Der Hinweis, dass es sich ihren Titel nach um Lehrmaterial handelt, wirkt vielleicht profan, denn es handelt sich bei diesen Stücken um Meisterwerke, die ihren Platz im internationalen Konzertleben haben. Wahrscheinlich waren sie auch nicht als technische Übungsstücke angelegt, sondern sollten auch zur „Ergötzung“, wie Bach sich selbst darüber äußerte, gespielt werden. In den Jahren 1726 bis 1731 schrieb er jeweils eine seiner sechs Partiten für Klavier solo. Sicher ist es kein Zufall, dass er auch jeweils sechs vergleichbare Werke für Violine solo (Partiten) und für Violoncello solo (Suiten) geschrieben hat.“

Formal handelt es sich bei den Partiten um Suiten (frz. = Folgen) von stilisierten Tänzen der Gesellschaft. Inhaltlich allerdings hat J.S. Bach mit diesen Werken Meisterwerke hinterlassen, die aus dem Repertoire von Pianisten, Violinisten und Cellisten nicht wegzudenken sind.

In der 2. Partita für Klavier c-moll stellt Bach der klassischen Folge einer Tanzsuite („Allemande“, „Courrente“, „Menuett“) einen Eingangssatz im französischem Stil voran: Überschrieben mit „Sinfonia“ hören wir hier eine französische Ouvertüre, überschrieben mit „Grave“ eine Aria, die eigentlich einem Blasinstrument zugedacht sein könnte, und ein „Allegro“, das eine fulminante Eröffnung des Werkes garantiert. Den für die Suite erforderlichen Tanz-Sätzen lässt Bach noch zwei abschliessende Sätze folgen, die mit ihren hohen pianistischen Anforderungen dem Gesamtkontext Klavierübungen Tribut zollen, nämlich ein „Rondo“ und ein „Capriccio“, die dem Pianisten höchste Geschicklichkeit abverlangen.

Franck-Thomas Link


Franz Schuberts Sonate B-Dur D 960 ist seine letzte Sonate. Sie entstand in Schuberts Todesjahr 1828 und wurde erst zehn Jahre später veröffentlicht. Er war sich über seinen bevorstehenden Abschied im Klaren und sein Arbeiten war wohl immer von Gedanken und Gefühlen zu Leben und Tod begleitet.

Wie bei Beethovens Sonaten op. 109, 110 und 111 kann man auch bei Schubert schwerlich über eine der drei letzten Sonaten sprechen und die anderen unerwähnt lassen. Im Jahre 1828 schrieb Schubert neben den „Drei Klavierstücken op. post.“, die anmuten wie eine Kompositionsstudie von Themen und Melodien zur B-Dur-Sonate, noch die c-moll-Sonate, deren Hauptthema ein verstecktes Zitat der 32 Variationen in c-moll von Beethoven ist, und die A-Dur Sonate, deren langsamer Satz als Reminiszenz an die großen kadenzierenden Phantasien von CPE Bach und an Mozarts Opern-Rezitative zu verstehen ist. Vor dem Hintergrund, dass Schubert Abschied nimmt, stehen die drei letzten Sonaten in jeweils unterschiedlichem Licht, den Phasen langsamen Sterbens möglicherweise entsprechend. Die ersten beiden der drei letzten Sonaten stehen durch einerseits emotionalen, widerständlichen (c-moll-Sonate) und andererseits intellektuellen (A-Dur Sonate) Kampf um das Überleben der meist so zart und freundlich anmutenden B-Dur Sonate scheinbar entgegen.

Zu vermuten ist, dass Schubert den Kampf überwunden hatte und dem Tod in der B-Dur-Sonate freundlich begegnet, als hätten sich in ihm Gefühle von Vergebung und eine innere Bereitschaft gegenüber dem Tod eingestellt, die ihn zu den freundlichsten Melodien greifen lassen, die er in erfinden konnte. Bemerkenswert ist, dass das zunächst heiter wirkende Rondo-Thema des letzten Satzes nicht in der Grunddtonart B-Dur steht, sondern in der der Schicksalssinfonie, nämlich c-moll. Dahinter steckt eine Heiterkeit in erstem Gewande, die im letzten Satz dramatische Ausbrüche erfährt.

Vergleicht man die Themen der B-Dur Sonate miteinander, so stellt man fest, dass alle aus dem selben Tonmaterial, einer abfallenden Sekunde, gemacht sind. Eine abfallende Sekunde wird musikwissenschaftlich als Seufzermotiv bezeichnet. Die Themen der Sonate allerdings seufzen nicht, sie sind nur aus dem Stoff des Seufzers gemacht. Es ist, als ob Schubert uns nachhaltig mit seinen Melodien tröstet. Der Melodienreichtum dieser letzten und gleichzeitig größten Sonate, die Schubert überhaupt geschrieben hat, lässt an Liederzyklen wie „Die schöne Müllerin“ oder „Die Winterreise“ denken.

Anders als bei Beethoven, dessen letzte Sonate die klassische Sonatenform vollkommen durchbricht, haben wir es in Schuberts letzter Sonate mit der größten Vollendung dieser Formen zu tun. Es gibt Künstler, die die Vollendung bestehender Möglichkeiten zur inneren Aufgabe haben, man denke an Bach oder Haydn, und es gibt Künstler, die neue Möglichkeiten aufsuchen, man denke an Beethoven oder Schönberg. Die B-Dur Sonate ist in diesem Sinne ein vollendendes und vergebendes Werk. Schubert lässt uns mit seiner Misere, dass er jetzt stirbt, nicht einfach stehen. Er beendet sein Sonatenwerk und sein Leben mit Freundlichkeit aus Traurigkeit, mit heiteren Melodien aus dem Material des Seufzers.

Franck-Thomas Link