Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

A Bird came down the Walk

Feierliche Eröffnung der Reihe Klassik 424

Japanische Sounds, Minimal Music für Bratsche, ein watschelnder Vogel und ein tanzender Mönch. Die Künstler des Abends verweben Musik von Ali N. Askin, Morton Feldman für Viola und Klavier und Toru Takemitsu und einen Text von Christoph Ransmayr zu einem poetischen Gespinst.

Video-Trailer

Die Bar hat ab 18.30 Uhr geöffnet. Für Verpflegung ist gesorgt.

Mehr zur Reihe Klassik 424.



12 Euro / 8 Euro / Kammerkunstmitglieder und Kinder frei

VVK unter 040 / 66 97 62 55 und unter buero@kammerkunst.de

Die Abendkasse ist ab 18.30 h geöffnet.


Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24, 20457 Hamburg


Toru Takemitsu,
Rain Tree Sketch II (1992)

In Memoriam Olivier Messiaen

Ali N. Askin,
7 Momente aus 111

Ali N. Askin,
string street (for viola solo)

I. Viertel = 130
II. Viertel = ca. 55 frei, espressivo
III. Viertel = 120
IV. Sehr frei / Ruhig Viertel = ca. 55
V. Punkierte Viertel = 135 bouncy

Morton Feldman,
the viola in my life (3)

Toru Takemitsu,
A Bird came down the Walk (1995)


„Rain Tree Sketch II“ ist Toru Takemitsus letzte Komposition für Klavier. Sie stellt eine Art musikalisches Vermächtnis dar, enthält sie doch Elemente aus mehr als 40 Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Klavier. Die Vortragsbezeichnung für die beiden äußeren Teile des Stücks ist „himmlisch licht“, die zentrale Passage, ein wunderbar zwischen den Händen aufleuchtendes kleines Lied, ist überschrieben mit "freudig". Takemitsu schrieb „Rain Tree Sketch II“ als Epitaph für Olivier Messiaen, der eines seiner großen Vorbilder war. Er scheint hier ganz mit Messiaens Ansicht übereinzustimmen, dass das Paradies ein Ort voller Harmonie und Licht sein muss. Der Titel des Stückes geht auf die Kurzgeschichte „Der kluge Regenbaum“ zurück, die Kenzaburo Oe, mit dem Takemitsu befreundet war, 1980 verfasst hatte: „Der Regenbaum heißt so, weil ihm das Wasser, wenn es nachts einen Schauer gegeben hat, am nächsten Tag bis zum Nachmittag aus den Blättern tropft, als ob es regnet. Andere Bäume werden gleich wieder trocken, er dagegen hat eine Fülle fingerdicker kleiner Blätter, in denen er die Feuchtigkeit bewahrt.“ Takemitsu benutzt in „Rain Tree Sketch II“ messiaensche Kompositionstechniken, um eine überreiche, beinahe kosmisch zu nennende Tonartenfülle herzustellen. Vielleicht imitiert er damit die Fülle des Regenbaums, um seine Musik in eine wahrhaft universelle Sprache zu verwandeln.

Franck-Thomas Link


Es gibt sie immer wieder. Diese kurzen Momente, die zu schnell vorbei sind. Die einen besonders aufhorchen lassen. Denen man noch etwas länger gelauscht hätte. Diesmal bei Beethovens opus 111. Sozusagen meine Lieblingsakkorde aus diesem wunderbaren Stück Musik. „7 Momente aus 111“ ist ein Auftragswerk aus dem Jahr 2014 für die Pianistin Susanne Kessel und ihr Projekt „250 piano pieces for Beethoven“.

Ali N. Askin


„string street (for viola solo)“ hatte seinen Ursprung in der Idee, einige Stationen der berühmten Seidenstrasse zu illustrieren. Aus „Seidenstrasse“ wurde „Seitenstrasse“, daraus dann „Saitenstrasse“ und schließlich der endgültige Titel. In den 5 Stücken dieser Pseudo-Sonate wende ich jeweils verschiedene Kompositionstechniken an, um mög­lichst kontrastierende Wirkungen zu erzielen. Trotzdem war es mir wichtig, dabei die Geschlossenheit und den Zusammenhalt des gesamten Werkes zu erhalten. Komponiert habe ich das Stück im Jahr 2003 für Miriam Götting.

Ali N. Askin


Ab dem Ende der fünfziger Jahre vermeidet Morton Feldman dynamische Differenzierungen. Das einmal gesetzte „very soft“ oder „extremly quiet“ (oft fehl sogar das) gilt unterschiedslos, und die wenigen Ausnahmen von dieser Regel bestätigen sie nur. Doch nicht Ideologie hält Feldman so lange in der gleichmäßig schwebenden Leisheit, sondern das Fehlen einer Antwort auf die Frage, wie sich eine differenzierte Dynamik vereinbaren läßt mit dem Streben nach musikalischer Abstraktheit. In diesem Streben allein verbirgt sich ein Hauch von Ideologie.

Abstraktion ist Feldmans erstes Gebot. Es besagt, dass Klänge für nichts anderes einstehen sollen als für sich selbst. What you hear is what you get. Feldmans Suche nach dem Abstrakten führt ihn, wie zuvor bereits viele Maler, zum Problem der Oberfläche. Ist in der Malerei die Oberfläche das Gegebene und der mögliche Gegenstand des Bildes die Illusion, die erst noch zu schaffen ist, so kehrt sich, erkannte Feldman, in der Musik die Situation um: Ihr Gegebenes ist der Gegenstand, die Konstruktion, die historisch vermittelt ist, während Oberfläche nur im Sinne einer Illusion realisiert werden kann. Offenbar verlangt ein Gelingen dieser Illusion den Verzicht auf Dynamik. Denn Dynamik erzeugt - weil sie Dialektik ins Spiel bringt - eine Tiefenwirkung: etwas hebt sich von etwas anderem ab. Dass Feldmans Musik für ein Jahrzehnt noch leiser und noch undurchschaubarer - weil konstruktiv undeutlicher - wird, hängt somit zusammen. Doch schon Ende der sechziger Jahre schleicht sich beides wieder in seine Musik ein: Gegenstand und Perspektive. 1969 kehrt Feldman zurück zur präzisen Notation von Tonhöhe, Tondauer und Metrum und verwendet ein Jahr später in seinem Zyklus „The Viola in My Life“ erstmals wieder Dynamikzeichen in Form von Crescendo und Decrescendo-Pfeilen. Feldmans Anspruch hat sich gewandelt. Das kompromißlose Streben nach reiner Oberfläche weicht der Erkenntnis, dass seine Musik ihren eigentlichen Platz „zwischen den Kategorien“ findet, „zwischen Zeit und Raum, zwischen Malerei und Musik, zwischen der Konstruktion von Musik und ihrer Oberfläche.“

„The Viola in My Life 3“ (1972) ist das kleinste und kleinstbesetzte Stück des vierteiligen Zyklus. Es ist ein sparsames und zugleich ein etwas nervöses Stück. Feldman untersucht sehr vorsichtig das neue Land, das er betreten will. Nicht gleich wagt daher die Viola, aus dem ununterschiedenen „Extremly quiet“ herauszutreten. Nach mehreren Ansätzen schraubt sich dann plötzlich eine kleine Achtel-Skala in die Höhe. Damit ist ein Anfang gemacht. Alle folgenden Crescendi leiten sich ab aus der natürlichen Bewegung dieser aufsteigenden Tonfolge. Auf Feldmans vormals flacher Klangleinwand hinterlassen sie deutliche Eindrücke.

Raoul Mörchen


Der Titel von Toru Takemitsus „A Bird came down the Walk“ ist das Zitat der ersten Zeile eines Gedichts von Emily Dickinson. Entgegen der witzigen Konnotationen, die diese Zeile evoziert - wer denkt nicht sofort an Charlie Chaplins Tramp - , scheint sich Takemitsu eher einen gravitätischen Vogel vorgestellt zu haben, dem die Bratsche ihre tiefe Stimme leiht. Die meditative Klangfarbenkomposition, deren Thema auf einer Fünftonskala beruht, ist eine der wichtigsten Kompositionen für Viola nach 1950.