Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Seelenklänge

Cellosonaten von Beethoven, Schubert und Brahms im Bürgersaal Wandsbek

Johannes Krebs und Franck-Thomas Link

Der Gesang des Cellos rührt „auf tiefer, unergründlicher Ebene an unser Gefühl“, wie Yehudi Menuhin sagte. Der Klang des Violoncellos kommt dem der menschlichen Stimme sehr nahe. Johannes Krebs und Franck-Thomas Link zeichnen in ihrem Konzert die Entwicklung der Sonate für Violoncello und Klavier im 19. Jahrhundert nach.

Die großen Cellosonaten von Beethoven, Schubert und Brahms sind Ausdruck der Blütezeit des bürgerlichen Konzertlebens. Das unbekannte Selbst faszinierte den Bürger. Die Seele des genialen Künstlers trug heroische Menschwerdungskämpfe aus. Der dunkle Ton des Violoncellos verlieh kaum geahnten Empfindungen des Künstlers Ausdruck.

Heute bedrängen Massenphänomene wie Internet, Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Umwälzungen das Individuum. Kommerz höhlt die zentrale Errungenschaft der europäischen Aufklärung aus: den Wert des Individuums. Aus den Celloklängen des 19. Jahrhunderts singt die Würde der Seele.



Eintritt:
20 € | 12 € ermäßigt

Karten an der Abendkasse


Bürgersaal Wandsbek, Am Alten Posthaus 4, U Wandsbek Markt


Programmheft als PDF


Ludwig van Beethoven,
Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 3 A-Dur op. 69

Allegro ma non tanto
Scherzo: Allegro molto
Adagio cantabile
Allegro vivace

Franz Schubert,
Sonate für Arpeggione und Klavier a-moll D 821

Allegro moderato
Adagio
Allegretto

Johannes Brahms,
Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 1 e-moll op. 38

Allegro non troppo
Allegretto quasi Menuetto
Allegro


Große Sonaten für Violoncello und Klavier waren zu Beethovens Zeit ein Novum. Zwar hatte sich die klassische Violinsonate bereits bei Mozart und Haydn etabliert, aber die anderen Streichinstrumente waren von dieser Entwicklung nahezu unberührt geblieben. Beethoven schrieb fünf Cellosonaten, die A-Dur Sonate steht an dritter, also zentraler Stelle. Obwohl Beethoven in dieser Gattung Neuland betrat, sind alle fünf Sonaten Meisterwerke. Die A-Dur Sonate entstand 1808, also in der Schaffensphase, in der Beethoven außerordentlich erfolgreich war und das Wiener Konzertleben absolut bestimmte. Der Sonate vorangegangen waren die 5. (Schicksalssymphonie) und die 6. (Pastorale) Symphonie, und nach ihr entstand sehr bald die Oper „Fidelio“. Beethoven war ein Star und ständig selbst auf der Bühne als Pianist oder Dirigent präsent. Die A-Dur Sonate war direkt für den Konzertsaal geschrieben und ist weniger ein Experiment wie die beiden frühen Sonaten, oder eine philosophische Aussage wie die beiden späten Sonaten, die entstanden, als Beethoven bereits im Zustand der Taubheit und Vereinsamung lebte.

Franck-Thomas Link


Franz Schubert steckte sein gesamtes Berufsleben lang in finanziellen Schwierigkeiten. Andere Komponisten verdienten sich am aufsteigenden Bürgertum eine goldene Nase. So versetzte beispielsweise Gioachino Rossini Wien in einen wahren Walzertaumel und feierte mit Champagner, während Schubert hungrig und durchgefroren in der feuchten Bude eines Freundes saß. Geld interessierte Schubert nicht, wenn es um die Musik ging. Er komponierte aus anderen Gründen.

1823 war der Arpeggione erfunden worden, ein mit dem Bogen gestrichenes, sechssaitiges Instrument, das wie eine Gitarre gebaut war. Der Arpeggione war schwer zu spielen, sein dynamischer Umfang war gering und sein gambenartiger Ton erschien den Zeitgenossen anachronistisch. Er wurde nur ca. 10 Jahre lang gespielt und geriet dann in Vergessenheit. Der Arpeggione, ein fragiles und angreifbares Instrument, traf den Ton von Schuberts Gemütslage. Und genau darum ging es Schubert: Seine Gemütslage in Tönen auszudrücken.

Dass Franz Schubert ausgerechnet für den Arpeggione schrieb, erzählt viel über ihn. Eigentlich war er kein Kind von Traurigkeit. Er gehörte zur Wiener Boheme und ging in den einschlägigen Wirtshäusern ein und aus. Ab 1822 mied Schubert jedoch ganz plötzlich das öffentliche Leben. Schuld daran war eine Syphilisinfektion, die er sich auf einem seiner Streifzüge durch die dunklen Ecken der Stadt zugezogen hatte. Die damaligen Behandlungsmethoden waren barbarisch, durch Quecksilberanwendung kam es zu schweren Vergiftungserscheinungen, Übelkeit und Haarausfall. Noch schwerer als die körperlichen Probleme wird Schubert die soziale Stigmatisierung belastet haben, die mit der Syphilis einherging.

„Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer“, diesen Seufzer von Gretchen am Spinnrad vertonte Schubert als op. 2, also am Anfang seiner Komponistentätigkeit. Zum Ende seines Lebens hin, schon als gezeichneter Mann, wagte sich Schubert, seinem schweren Herzen zum Trotz, mit seiner Sonate für Arpeggione und Klavier a-moll D 821 noch einmal in die Öffentlichkeit. Wir erleben, verpackt in eine elegant-virtuose Sonate, ein Wechselbad von Trost und Trauer, wir hören Schuberts Melancholie, in der Glück und Wehmut untrennbar miteinander verbunden sind.


Die großen Cellosonaten von Beethoven, Schubert oder Brahms sind Ausdruck der Blütezeit des bürgerlichen Konzertlebens. Das unbekannte Selbst faszinierte den Bürger. Die Seele des genialen Künstlers trug heroische Menschwerdungskämpfe aus. Der dunkle Ton des Violoncellos verlieh kaum geahnten Empfindungen des Künstlers Ausdruck. Der Gesang des Cellos rührt „auf tiefer, unergründlicher Ebene an unser Gefühl“, sagte der Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin. Und tatsächlich kommt der Klang des Violoncellos dem der menschlichen Stimme sehr nahe.

Die e-moll-Sonate für Violoncello und Klavier op. 38 von Johannes Brahms entstand in zwei Etappen. Sie ist die erste der beiden Sonaten, die Brahms für diese Gattung schrieb. Die ersten drei Sätze Allegro, Adagio und Allegretto entstanden 1862 in Bad Münster am Stein und in Hamburg-Hamm, das damals noch ein Dorf weit vor den Toren Hamburgs war. Das Finale komponierte Brahms erst drei Jahre später in Baden-Baden. Ursprünglich war die Sonate viersätzig, Brahms entfernte jedoch vor der Veröffentlichung das Adagio. Möglicherweise fürchtete er, die Sonate könnte zu lang werden. Leider vernichtete er diesen langsamen Satz wahrscheinlich, so wie viele seiner Kompositionen, die er nicht veröffentlichen wollte. Die Uraufführung des Werkes fand erst 1871 statt. Ein Grund hierfür könnte sein, dass Brahms‘ Name zum Entstehungszeitpunkt der Sonate noch keineswegs etabliert war. Seine großen Erfolge traten erst mit der Aufführung des Deutschen Requiems und der Ungarischen Tänze in den Jahren 1868 und 1869 ein.

Beethovens Cello-Sonaten gelten gemeinhin als Grundlage dieser Gattung, die sich, ausgehend von den brahms‘schen Kompositionen in der europäischen Romantik, bis zur Moderne umfangreich weiterentwickelte. Natürlich war sich Brahms seiner Rolle als Nachfolger Beethovens bewusst. Mit Sicherheit hat er Beethovens Cello-Sonaten gründlich studiert und sie, als ausgezeichneter Pianist, selbst aufgeführt. Brahms hatte ein differenziertes Verhältnis zur Tradition, weshalb es nicht verwundert, dass der erste Satz der e-moll-Sonate an Beethovens Cello-Sonate op. 69 erinnert, während sich im Finale Verbindungen zu Bachs Kunst der Fuge erkennen lassen.

Franck-Thomas Link


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