Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Marsch der Riesen

Kammermusikabend mit Werken von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms

Seiner Zensur fielen unzählige Skizzen zum Opfer, die er verbrannte und unter denen sich möglicherweise wahre Meisterwerke befanden: Johannes Brahms ist für einen äußerst kritischen Umgang mit der eigenen Arbeit bekannt. In einem Brief an Clara Schumann schrieb er: „Wundere Dich nicht, dass ich von meinen Arbeiten nicht viel schreibe. Ich bin nie oder ganz selten etwas zufrieden mit mir. Aber ich habe wenig Lust und Anlage, über meinen Mangel an Genie und Geschick zu anderen zu lamentieren.“ Brahms hatte seine großen Vorgänger gründlich studiert und ihre Partituren bei der Arbeit immer wieder konsultiert. In Wien sah er sich durch Publikum und Fachwelt in die direkte Nachfolge Ludwig van Beethovens gestellt. Mit Beethoven als Idol im Rücken und großer Bescheidenheit ausgestattet, wird verständlich, warum der junge Brahms Beethoven als einen Riesen, der hinter ihm hermarschiere, bezeichnete.



Eintritt:
20 € | 12 € ermäßigt
Karten an der Abendkasse, bei Ticketonline und telefonisch unter 040 / 31796940.


Laeiszhalle Hamburg, Studio E


Ludwig van Beethoven,
7 Variationen für Violoncello und Klavier über: Bei Männern, welche Liebe fühlen, 1801

Graf Johann Georg von Browne gewidmet

Ludwig van Beethoven,
Duett mit zwei obligaten Augengläsern für Viola und Violoncello WoO 32, 1796

ohne Satzbezeichnung
Minuetto

Ludwig van Beethoven,
Sonate für Violoncello und Klavier Nr. 3 A-Dur op. 69

Allegro ma non tanto
Scherzo: Allegro molto
Adagio cantabile
Allegro vivace

Johannes Brahms,
Klavierquartett g-moll op. 25, 1861

Allegro
Intermezzo: Allegro ma non troppo
Andante con moto
Rondo alla zingarese


Die Variationen für Violoncello und Klavier über Pamina und Papagenos Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ aus Mozarts „Zauberflöte“ stammen aus Beethovens mittlerer Periode. Er hat noch ein zweites Variationswerk über ein Thema aus der „Zauberflöte“ geschrieben, nämlich über Papagenos „Ein Mädchen oder Weibchen“. Es war durchaus üblich, berühmte Opernthemen kammermusikalisch zu bearbeiten, um diese Musik auch der Hausmusik zugänglich zu machen. Der große Reiz dieser Werke besteht im Kontrast zwischen populären, volksliedhaften Themen und dem kompositorischen Anspruch in der Behandlung der Variationsform, der von den Interpreten höchste technische Brillianz fordert.

Franck-Thomas Link


Liest man „Duett mit zwei obligaten Augengläsern“ könnte man vermuten, dass es sich hier um ein humoristisches Stück handelt. Der Titel dieses selten gespielten Werkes ist aber eine Widmung an die ersten Interpreten des Stückes, die beide eine Brille trugen. Das zweisätzige Werk wurde nach Beethovens Tod in Skizzenbüchern gefunden und unlesbare Stellen wurden ergänzt. Der erste Satz ist ein ausgedehnter Sonatensatz, der zweite Satz ist ein schnelles Menuett mit Trio. Im selben Skizzenbuch fand man auch Fragmente eines langsamen Satzes, der sich aber nicht wiederherstellen ließ. Es ist anzunehmen, dass Beethoven ursprünglich vorhatte, eine Sonate oder ein anderes zyklisches Werk zu schreiben. Der ungewöhnlichen Besetzung, einem Duett der tiefen Streicher, gewinnt Beethoven ungewohnte Klangfarben und einen hohen virtuosen Reiz ab. Der Grund, warum dieses herrliche Werk so selten gespielt wird, liegt vielleicht in der Diskrepanz zwischen dem lustigen Titel und der Ernsthaftigkeit, mit der das Werk angelegt ist.

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Große Sonaten für Violoncello und Klavier waren zu Beethovens Zeit ein Novum. Zwar hatte sich die klassische Violinsonate bereits bei Mozart und Haydn etabliert, aber die anderen Streichinstrumente waren von dieser Entwicklung nahezu unberührt geblieben. Beethoven schrieb fünf Cellosonaten, die A-Dur Sonate steht an dritter, also zentraler Stelle. Obwohl Beethoven in dieser Gattung Neuland betrat, sind alle fünf Sonaten Meisterwerke. Die A-Dur Sonate entstand 1808, also in der Schaffensphase, in der Beethoven außerordentlich erfolgreich war und das Wiener Konzertleben absolut bestimmte. Der Sonate vorangegangen waren die 5. (Schicksalssymphonie) und die 6. (Pastorale) Symphonie, und nach ihr entstand sehr bald die Oper „Fidelio“. Beethoven war ein Star und ständig selbst auf der Bühne als Pianist oder Dirigent präsent. Die A-Dur Sonate war direkt für den Konzertsaal geschrieben und ist weniger ein Experiment wie die beiden frühen Sonaten, oder eine philosophische Aussage wie die beiden späten Sonaten, die entstanden, als Beethoven bereits im Zustand der Taubheit und Vereinsamung lebte.

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Die Gattung Klavierquartett (Klavier, Violine, Viola, Violoncello) hat eine langsame Entwicklung über Jahrhunderte durchgemacht. Die ersten Werke in dieser Besetzung stammen von Mozart, danach hat erst Robert Schumann sich wieder damit beschäftigt. Johannes Brahms hat mit drei demonstrativ großen Monumenten dafür gesorgt, dass diese Besetzung auch noch heute in der Kammermusik eine sehr wichtige Rolle spielt. So schloss z.B. der für das 20. Jahrhundert äußerst wichtige amerikanische Komponist Morton Feldman sein Lebenswerk mit einem solchen Quartett ab. Das g-moll Quartett gilt auf den Konzertpodien der ganzen Welt als eines der beliebtesten Werke seiner Gattung, nicht zuletzt weil sich der Ernst und die Tiefe der ersten drei Sätze im „Rondo alla zingarese“ aufhellen. Dieses Finale ist ein zigeunermusikalisches Feuerwerk, mit allen Stilmitteln, die die Zigeunermusik zu bieten hat: ein großes Cymbal-Solo (in Vertretung vom Klavier zelebriert), melancholische Melodien, und vor allem das immer wiederkehrende, tanzende Ritornell. Der Satz scheint ein ganzes Zigeunerfest zu verkörpern. Brahms' Affinität zur Zigeunermusik (man denke in diesem Zusammenhang auch an seine beiden Zyklen von Zigeunerliedern op. 103 und op. 112) geht einerseits auf seine tiefe Liebe zur Volksmusik zurück, andererseits war die Zigeunermusik in Wien in Mode. Es war populär, in „exotischem“ Stil zu komponieren. In vergleichbarem Zusammenhang entstanden auch Brahms' Ungarische Tänze. Das g-moll Quartett ist so reich in seiner Architektur und in seinen musikalischen Nuancen, dass Arnold Schönberg dieses Werk für Orchester bearbeitet hat, um, wie er sagte, „endlich einmal alles zu hören, was in der Partitur steht“.

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