Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Der Tod und das Mädchen

Sektionssaal UKE

Wir laden ein zu einer Festveranstaltung anlässlich der Vorstellung des restaurierten Sektionssaals im Fritz Schumacher-Haus (ehemals Institut für Pathologie) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Musiker des Hamburger Kammerkunstvereins spielen Schubertes Streichquartett.

Der Eintritt ist frei. Begrenzte Platzanzahl. Anmeldung bis 9. 6. erforderlich.

Unser Büro nimmt Ihre Kartenwünsche werktags von 9 - 12 Uhr gerne entgegen: +49 40 25329613.



Ehemaliger Sektionssaal im Fritz Schumacher-Haus, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52


Franz Schubert,
Der Tod und das Mädchen, Streichquartett Nr. 14 d-Moll D 810

Allegro
Andante con moto
Scherzo. Allegro molto
Presto


Matthias Claudius (1740–1815)

Das Mädchen:
Vorüber! Ach vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.

Der Tod:
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund und komme nicht zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!


Goethe meinte, „vernünftige Leute sich unterhalten“ zu hören, wenn er einem Streichquartett lauschte. Damit hatte er nicht Unrecht, benutzten doch die Tonsetzer die Gattung Streichquartett für ihr Ringen mit der kompositorischen Form. Schuberts Leitgedanke der musikalischen Unterredung in seinem Quartett D 810 ist dagegen der inhaltliche Konflikt, der in seinem 1817 komponierten Lied „Der Tod und das Mädchen“ ausgetragen wird. Schubert wählt die strenge Form des Streichquartetts, weil er weiß, dass dies zu genau dem kompositorischen Druck führen wird, den er braucht, um ein derart explosives Thema zu behandeln. Wir hören die verzweifelte Angst eines jungen Menschen vor dem Tod, manische Wiederholungen, haltlose Erschütterung. Momente der Hoffnung verstärken die düstere Grundfarbe des Ganzen, keine Verklärung, nirgends. Ein Dialog findet statt, aber von Vernunft ist hier wenig zu spüren. Von einem herrschaftsfreien Diskurs gar sind wir meilenweit entfernt. Dass Schubert ausgerechnet jenen stummen Gewalttäter einlädt, sich als Gesprächspartner zu artikulieren, scheint beinahe öbszön und paradox. Warum jene sinnlose Versuchsanordnung zweier ungleicher Gegner, deren Ausgang schon von vornherein feststeht?

Als Schubert im Winter 1825/1826, also etwa drei Jahre vor seinem Tod mit nicht einmal 31 Jahren das Quartett vollendete, hatte ihn die Syphilis bereits fest im Griff. Aufenthalte im Hospital waren vorangegangen. „Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz vorhanden“, notiert Schubert am 27. März 1824, also vermutlich während der Arbeit am d-moll-Quartett. Und als dieses beendet ist, wendet er sich an seinen Freund Kupelwieser und gesteht ihm: „Ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen auf der Welt.“ Und er schreibt weiter: „Denk Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will, u. der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, denke Dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu Nichte geworden sind, dem das Glück der Liebe u. Freundschaft nichts biethen als höchstens Schmerz.“ Doch dann folgt in seinem Brief ein Stimmungswechsel. Von zwei Quartetten und einem Oktett berichtet er, die er komponiert habe, ein weiteres solle folgen. So wolle er sich den Weg zur „großen Sinfonie bahnen“. Und er wolle wie Beethoven, der demnächst in Wien konzertieren werde, im Folgejahr ebenfalls ein großes Konzert geben.

In Schuberts Quartett D 810 liegt ein trotzig-kathartisches Bekenntnis; wenn man die ungeheure Schaffenskraft bedenkt, mit der Schubert nach seiner Niederschrift weiterarbeitete, erscheint das Quartett beinahe wie ein Durchgang, ein Tor ins Offene. Seine „Versuchsanordnung“ entpuppt sich nicht als Experiment, sondern als die einzige Möglichkeit. Schubert gelingt es, mit einem eiskalten Gespächspartner mit der Eleganz einer Betonmauer ins Gespräch zu kommen. Seine Musik schluchzt, schmeichelt, fleht, tanzt, droht, weint, wettert, verhandelt, dreht sich im Kreise – so dass vor so viel Überzeugungskraft selbst der Tod zuweilen ins Wanken zu kommen zu scheint. Hier entsteht aus Schmerz höchste Menschenwürde.

Ulrich Bildstein