Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

248. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

Eröffnungskonzert der 6. Saison


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


Johann Sebastian Bach,
Partita Nr 1 B-Dur BWV 825

Praeludium
Allemande
Corrente
Sarabande
Menuett I und II
Gigue

Ferruccio Busoni,
Chaconne in d-moll, BWV 1004

aus der Partita Nr. 2 für Violine solo von J. S. Bach


Partiten und Suiten sind Sammlungen von stilisierten Tänzen. Johann Sebastian Bach hat Suiten und Partiten für verschiedene Soloinstrumente (Violine, Violoncello, Klavier) und für Orchester komponiert. Die Partiten für Klavier entstanden nach den Englischen und Französischen Suiten, wahrscheinlich in den Zwanzigerjahren des 18. Jahrhunderts in Leipzig. Sie gelten als seine reifste Sammlung von Suiten und unterscheiden sich von den früheren Sammlungen durch noch strengere und klarere Geistigkeit und durch noch größere kompositorische Meisterschaft. Sie sind die ersten Werke in Johann Sebastians Schaffen, die als Druck erschienen. Da Bachs frühere Klavierkompositionen schon weitestgehend berühmt waren und in vielen Abschriften vorlagen (vor allem die Suiten und beide Bände des Wohltemperierten Klaviers), konnte sich Bach des Interesses an seinen Partiten relativ sicher sein und veröffentlichte von 1726 bis 1731 in jedem Jahr eine Partita im Eigenverlag. 1731 fasste Bach seine sechs Meisterwerke als einen Teil seiner "Klavierübung" zusammen, was hier nicht im pädagogischen Sinne als Schulwerk, sondern im sinne von "Klavierausübung" zu verstehen ist. Bachs erklärte zu den Partiten, sie sollen "das Gemüt ergötzen". Bei seinen Schülern (u. a. seinen Söhnen) war es ihm immer sehr wichtig "vor allem eine kantable Art im Spielen zu erlangen". Der Organist und Musikdirektor Nikolaus Forkel, der ein Jahr vor Bachs Tod geboren wurde und als Begründer der historischen Musikwissenschaft gilt, besprach die Sammlung der sechs Klavierpartiten wie folgt: "Dieses Werk machte zu seiner Zeit in der musikalischen Welt großes Aufsehen; man hatte noch nie so vortreffliche Clavierkompositionen gesehen und gehört."

Die B-Dur Partita ist in ihrem Aufbau sehr übersichtlich, zunächst wird das Werk mit einem Präluium eröffnet, einem Meisterwerk an formaler Klarheit und in unnachahmlicher Mischung von Gravität und Anmut. Danach folgen die eigentlichen Tänze, jeder der Tänze besteht aus zwei Teilen, die jeweils zu wiederholen sind. Diese Wiederholungen fordern den Spieler dazu auf, beim zweiten Durchgang in der Interpretation, sei es bei den Ornamenten, sei es in der Dynamik, zu variieren. Im Zentrum der B-Dur Partita steht die Sarabande (einem langsamen Schreittanz im Dreivierteltakt, bei dem allerdings das zweite Viertel das stärkste Gewicht hat und ursprünglich den Tänzern einen großen ausladenden Schritt auf dem zweiten Viertel ermöglichte). Der letzte Satz (Gigue) hat eine Besonderheit inne, die es bis dahin wahrscheinlich noch nie gegeben hatte, denn durch ein ständiges Springen der linken Hand, die die Melodie spielt entsteht eine Melodie in einem für damalige Verhältnisse unerhörtem Tonumfang von drei Oktaven.


Die Chaconne d-moll von Johann Sebastian Bach ist eines der wichtigsten Werke in der gesamten Literatur für Violine solo. Sie ist der letzte Satz der d-Moll Partita und geistig und technisch wahrscheinlich für jeden Geiger eine Art Heiligtum. Abgesehen davon gilt dieses Werk immer auch als Höhepunkt der Form Chaconne. Zwei grundlegende Eigenschaften prägen eine Chaconne: Das Grundthema stammt in seinem Charakter von der Sarabande, einem Schreittanz mit einem schweren Akzent auf dem zweiten Schlag des Taktes. Außerdem ist die Chaconne eine Variationsform, die eigentlich nicht erlaubt, dass der Komponist vom Thema abweicht; d. h. das Thema ist immer mehr oder weniger präsent. Die Chaconne aus der Violinpartita von J. S. Bach hat immer wieder Komponisten und Instrumentalisten dazu angeregt, sie für andere Instrumente umzuschreiben. In modernen Fassungen wird sie von Flötisten und Marimbaphonspielern aufgegriffen. Eine der wichtigsten Klavier-Bearbeitungen ist die von Johannes Brahms für die linke Hand. Die heute gespielte Bearbeitung entstammt der Feder des italienischen Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni aus dem Jahre 1892. Während Brahms sich wörtlich an Bachs Text gehalten und keine einzige zusätzliche Note eingefügt hat, hat sich Busoni virtuose Freiheiten genommen. Diese wurden ihm gelegentlich von Puristen angekreidet. Busoni hat sich jedoch beim Bearbeiten nicht nur mit der Transkription der Töne beschäftigt, sondern auch mit der Transkription des technischen Aufwandes, den dieses Werk im Original dem Geiger abverlangt. In diesem Zusammenhang sprach Claudio Arrau von der „transzendentalen Kraft der technischen Schwierigkeit“. Sicher ist es werktreuer, wenn Brahms diese für den Ausdruck notwendige Schwierigkeit dadurch herstellt, dass er das komplette Werk nur mit einer Hand auf dem Klavier spielen lässt. Während Brahms den barocken Stil der Chaconne erhält, verändert sich die Chaconne bei Busoni zu einem romantischen Klavierstück und spiegelt darin den Geist der Zeit. Die Arbeit an Bachs d-moll Chaconne steht bei Busoni in einer langen Reihe von Bearbeitungen. Er hat u. a. Orgeltoccaten und Choralvorspiele für das Klavier bearbeitet, die noch immer in der ganzen Welt gespielt werden.

Franck-Thomas Link


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