Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

233. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

F. Schubert, Klaviertrio Nr. 2 Es-Dur op. 100 D. 929


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


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Franz Schubert,
Klaviertrio Es-Dur op. 100 D. 929 (1827)

Allegro
Andante con moto
Scherzo: Allegro moderato
Allegro moderato


Schuberts Es-Dur-Trio ist wohl das monumentalste Werk der gesamten Klaviertrioliteratur - nicht nur in Hinblick auf seine Ausdehnung, die wahrhaft symphonische Maße erreicht, sondern auch in Bezug auf die Vielschichtigkeit und den Reichtum des darin ausgebreiteten thematischen und gedanklichen Materials. Schubert hat es im November 1827 komponiert unter Verwendung von Motiven aus dem schwedischen Volkslied "Se solen sjunker" ("Sieh' die Sonne untergehen...").

Im entschlossenen Unisono setzt das 1. Allegro ein, das hier einmal auf den typisch Schubertschen hemmenden Zusatz "moderato" verzichtet. Vielfarbig und durchbrochen in der Aufteilung auf die Instrumente beginnt dann im Violoncello ein neuer Gedanke, der in direkter motivischer Verwandtschaft zum viel später erklingenden, lyrisch singenden letzten Thema der Exposition steht. Zwischen ihnen aber weicht Schubert zunächst völlig überraschend zum weit entfernten h-Moll aus und stellt einen 2., rhythmisch-tänzerischen Gedanken vor, der von zarten Tonrepetionen geprägt wird. Die Durchführung widmet sich vor allem der harmonischen und farblichen Ausspinnung des lyrischen Seitenthemas aus der Exposition, überwiegend vom triolischen Figurenwerk des Klaviers umspielt und entlegenste modulatorische Bereiche berührend. Das letzte Wort in der Coda behält schließlich überraschend der Tanzschritt des 2. Gedankens, akkordisch im Piano verklingend nach längerer, fast monotoner Wiederholung seines typischen Rhythmus'. Das gedämpfte Pathos eines Trauermarsches liegt über dem Hauptthema des langsamen Satzes. Den charakteristischen Rhythmus schlägt das Klavier an, während darüber das Violoncello einen leidenschaftlichen Klagegesang anstimmt. Alsbaldiger Rollentausch der 3 Instrumente variiert diese Passage vor allem farblich auf höchst eindrucksvolle Weise. Die Wendung nach Es-Dur bringt in der Violine ein freundliches Gegenthema, und nun beginnt eine Entwicklung, die leidenschaftliche ("appassionato") Ausbrüche nicht scheut und auch das Es-Dur-Thema mit nach moll hinüberzieht. Die Rückkehr zum Trauermarsch leitet einen erweiterten und veränderten zweiten Durchgang ein, in dessen Verlauf es zu dramatischen Steigerungen bis zum fff-Gipfel kommt und der schließlich mit einer letzten verlangsamten Reminiszenz an den Trauermarsch verklingt. Als 2stimmiger Oktavkanon im Taktabstand zwischen Klavieroktaven und beiden Streichinstrumenten beginnt das Scherzo. Es wendet sich jedoch in seinem Mittelteil unvermutet nach E-Dur (über die enharmonische Umdeutung von as nach gis); zugleich kehrt sich das Thema selber in die Gegenrichtung abwärts. Die Wiederholung des Anfangsteils ändert danach die Einsatzreihenfolge der Instrumente im Kanon - ein kunstvoll hinter der harmlosen "Scherzando"-Fassade verborgenes musikalisches Geschehen! Ihm setzt das derbe As-Dur-Trio einen schroff akzentuierten Widerpart entgegen. Eher gemächlich und schmeichelnd beginnt das Finale. In 748 Takten entfaltet sich in aller typisch Schubertschen Ausführlichkeit ein erweitertes Rondo, in dem vor allem zwei Elemente für seinen nie ermüdenden vielfarbigen Ablauf sorgen: zunächst der mehrmalige Metrumwechsel von Dreier- zu Viererbewegung, der zugleich nach moll führt und durch seine in ständig repetierte Achtel aufgelöste Thematik zusätzlichen Reiz erhält; sodann das zweimalige Zitat der Trauermarsch-Kantilene aus dem Andante (in h-moll und in es-moll), das in dieser neuen Umgebung wie ein Gruß aus einer anderen Welt anmutet.

Es scheint das Schicksal solcher Monumente zu sein, von Zerstörung und Entstellung in höherem Maße bedroht zu sein als Werke bescheideneren Zuschnitts. Nachdem der Verleger Schott sein Angebot, das Trio zu drucken, überraschend zurückgezogen hatte, vermutete Schubert, wohl nicht zu Unrecht, dass dies auf die ungewohnte Länge des Werkes zurückzuführen sei. Er kürzte deshalb den letzten (und längsten) Satz um etwa ein Drittel störte dadurch Proportionen und Ablauf des krönenden und beschließenden Satzes empfindlich. Zu fragen (und unbeantwortbar) bleibt, wie es kommt, dass das Genie, das all diese Herrlichkeiten erfinden konnte, gleichzeitig so blind für die Verletzlichkeit seines Werkes war. Hier stehen wir - wieder einmal - vor dem ewigen Mysterium des Schöpfertums, das zwar die Bezirke bewussten Formens natürlich einschließt, sie aber so weit überschreitet, dass auch für den Schöpfer das Geschaffene letztlich ein Rätsel bleiben muss.


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