Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

212. Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

R. Vaughan Williams, Songs of Travel


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


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Ralph Vaughan Williams,
Songs of Travel

The vagabond
Let Beauty awake
The roadside fire
Youth and love
In dreams
The infinite shining heavens
Whither must I wander?
Bright is the ring of words
I have trod the upward and the downward slope


Im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt ist der Liederzyklus "Songs of Travel", den Ralph Vaughan Williams (1072-1958) 1905 veröffentlichte. Der Textdichter ist Robert Louis Stevenson, 1850-94, bekannt als Autor der "Schatzinsel" und des Romans "Dr. Jekyll and Mr. Hyde".

Thematisch ist der Zyklus eng verwandt mit Schuberts "Winterreise". Auch hier ist das lyrische Ich in Mann, der sich außerhalb der Gesellschaft bewegt und durch die Natur wandert. Es gibt aber auch große Unterschiede zu Schuberts Zyklus. Ist dort das lyrische Ich verbittert durch eine untreue Geliebte zu seinem Entschluß gekommen, der Sphäre des menschlichen Zusammenlebens den Rücken zu kehren, so findet sich zu Beginn des Zyklus von Vaughan Williams kein derartiger äußerer Grund. Im Gegenteil heißt es im ersten Lied mit dem Titel "Der Vagabund" zu Beginn: "Give to me the life I love - gib mir das Leben, das ich liebe". Das Vagantenleben ist also ein aus freien Stücken gewähltes. Weiter heißt es: "let the lave go by me - laß das Spülicht mich umspielen". Auch an späterer Stelle sucht der Held die Verbindung zum Schmutz "Bread I dip in the River" - der Fluß liefert die Tunke zum Brot. Das Einbeziehen von Finsternis, Fäulnis und Verwesung in den Lobpries des Lebens rückt Stevensons Texte in die Nähe von Brecht, der sich ebenfalls dieser Motivik bediente. Angelehnt an die Todes- und Verfallsmystik der deutschen Barocklyrik hatte Brecht deren dichterische Formen benutzt, um ihre religiöse Sehnsucht ins Diesseitige zu verkehren. Damit rückt unser inneres Bild des lyrischen Ich in Vaughan Willimas Zyklus ab vom idealen, durchgeistigten Schmerzensmann Schuberts, hin zu einer Figur, die in gewissen Zügen Ähnlichkeit mit Bertolt Berchts Baal hat:

1 Als im weißen Mutterschoße aufwuchs Baal,
War der Himmel schon so groß und still und fahl
Jung und nackt und ungeheuer wundersam,
Wie ihn Baal dann liebte, als Baal kam.


2 Und der Himmel blieb in Lust und Kummer da,
Auch wenn Baal schlief, selig war und ihn nicht sah:
Nachts er violett und trunken Baal,
Baal früh fromm, er aprikosenfahl.


3 In der Sünder schamvollem Gewimmel
Lag Baal nackt und wälzte sich voll Ruh:
Nur der Himmel, aber immer Himmel,
Deckte mächtig seine Blöße zu.
...

(Choral vom Manne Baal, B. Brecht)


Unabhängig von allen Wünschen, die vernüftige Menschen normalerweise haben ("Wealth I seek not, hope nor love"), bewegt sich Stephensons Held autark in der Natur, gewinnt dabei beinahe gottähnliche Züge von Freiheit. Alles, was er braucht, ist der Himmel über und die Straße unter sich.


4 Alle Laster sind zu etwas gut
Und der Mann auch, sagt Baal, der sie tut.
...

Brechts Baal ist ein völlig unmoralische Subjekt. Dies grenzt ihn ab vom Helden bei Vaughan Williams. Denn bei aller Wildheit des Lebens, das er führt, ist in der Musik und im Text immer eine große Wärme zu spüren. Keine Bitterkeit wie bei Schubert ist vorhanden, immer prägt eine große Zärtlichkeit und Sehnsucht seinen Umgang mit der Umwelt. Im zweiten Lied beschwört er beispielsweise die Schönheit der Natur herauf mit dem Kuß eines zärtlichen Freundes ("with the kiss of a tender friend"). Im dritten Lied kommt sogar eine Geliebte vor, der unser Held Schmuck aus Vogelsang und Sternenlicht macht. Im vierten Lied ("Youth and Love") wird allerdings klar, dass eine solche Liebschaft allenfalls eine kurze Zeit währen kann. Unser Held spürt im Mondlicht zwar unbändiges Verlangen, doch zu seinem bessren Heil ("to his nobler fate") zieht er vorbei und weiter. Erklärt wird dieses Verhalten im 5. Lied ("In Dreams"). Dieses Lied, kurz nach der Mitte des Zyklus, ist das harmonisch reichste und musikalisch durch chromatische Melismen dicht gewobenste. Im Traume sieht unser Held seine alte Liebe wieder, erkennt aber, daß er sie nicht halten können wird. Denn die Zeit macht allen Morgenglanz und allen Liebreiz zunichte ("cold beats de light of time upon your face"). Da ist es besser zu weinen und rechtzeitig freiwillig loszulassen. Dieser Vanitas-Gedanke erinnert in seiner Radikalität an die shakespearschen Sonette, wo es beispielsweise im 60. ("Like as the waves") heißt:

...
Time doth transfix the flourish set on youth
And delves the parallels in beauty's brow,
Feeds on the rarities of nature's truth,
And nothing stands but for his scythe to mow
...

Im 6. Lied sucht der Held Trost in der unbeseelten Natur, und die stillen Sterne sind ihm kostbarer als menschengemachtes Brot. In "Whither must I wander?" heißt es: "Home no more home to me". Der Held verzichtet entgültig auf ein festes Zuhause, auf alte Freunde und gute alte Erinnerungen, denn er erkennt, daß zwar der Frühling ewig wiederkehren wird, sein eigener Weg jedoch ein Ende hat. Auch hier ist ein Vergleich mit der "Winterreise" interessant. Bei Schubert / Müller heißt es: "eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück". Die Musik bei Schubert ist trostlos und voller Schmerz und Verzweiflung. Vaughan Williams wählt für beinahe den selben Gedanken die Form eines Strophenliedes mit immer wiederkehrender Melodie, die den Gedanken des Zyklischen wunderbar transportiert. Die Melodie ist schlicht und volkstümlich, im Tone versöhnlich. Ebenfalls tröstend ist das folgende Lied "Bright is the ring of words", das die bezeichnende Vortragsvorschrift "Moderato risoluto" trägt - gemäßigt und entschieden. Hier erkennt der Sänger, dass seine Lieder ihn, wenn er längst begraben sein wird, überdauern werden, und auch nach ihm noch Liebende zusammenführen können. Im letzten Lied (Op. posth.) heißt es dann zum Beschluß des Zyklus: "Ich habe mich gesehnt nach Allem und habe der Hoffnung ade gesagt; Und ich habe gelebt und geliebt, und habe die Türe geschlossen." - "I have longed for all, and bid farewell to hope; And I have lived and loved, and closed the door."

vollständige Songtexte (englisch)

Ulrich Bildstein


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