Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

G. Mahler, Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn"


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


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Gustav Mahler,
Lieder aus Des Knaben Wunderhorn

Des Antonius von Padua Fischpredigt
Wer hat dies Liedlein erdacht
Der Tamboursg'sell
Lob des hohen Verstands
Rheinlegendchen
Revelge


Die Orchesterlieder von Gustav Mahler, unter denen die Gesänge nach Texten aus Clemens Brentanos und Achim von Arnims Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" eine zentrale Stellung einnehmen, gehören vordergründig zu jener relativ jungen Gattung, die Berlioz mit seinen "Nuits d'ete" begründete und die nach Mahler u. a. durch Richard Strauss ("Vier letzte Lieder") eine glanzvolle Fortsetzung finden sollte. Tatsächlich kommt diesen Liedern eine Sonderstellung in Mahlers Werk zu: Zunächst als Lieder mit Klavierbegleitung entstanden, fungieren sie in hohem Maße als musikalische und inhaltliche Keimzelle für seine Sinfonien. In den humoristischen Liedern klingt noch der spielerische Ton der Jugendlieder Mahlers an. In den ernsten Liedern spricht sich dagegen zum ersten Mal der düstere Pessimismus aus, der als Grundstimmung über Mahlers späten Lebensjahren liegt.Tatsächlich fand Mahler in den Gedichten der Romatiker viele seiner Empfindungen treffend ausgedrückt, Heimatlosigkeit, Schmerz und beißenden Humor.

"Wer hat dies Liedlein erdacht?" ("Dort oben am Berg") ist ein heiters, koloriertes Liebeslied; ein komischer Effekt sind die falschen Bässe bei der Stelle "und wer das Liedlein nicht singen kann".

"Lob des hohen Verstands" ("Einstmals in einem tiefen Tal") ist eine Satire auf verständnislose Kritiker: Nachtigall und Kuckuck singen um die Wette, der Esel, dem es die Nachtigall zu "kraus" macht, gibt kraft seines hohen Kunstverstands dem pedantischen Kuckuck den Preis.

Im "Rheinlegendchen" ("Bald gras ich am Neckar, bald gras ich am Rhein"), wird in balladenhaftem Ton eine zarte Liebesgeschichte erzählt, die nicht ganz ohne Doppelbödigkeit ist.

Bitterer Humor charakterisiert "Des Antonius von Padua Fischpredigt" ("Antonius zur Predigt die Kirche find't ledig"): Karpfen und Hechte, Stockfische, Aale und Hausen kommen geschwommen, dem Heiligen zuzuhören; die Predigt gefällt ihnen wohl, aber sie bleiben die Fresser und Räuber, die sie waren. Hier ist das Perpetuum mobile der durchlaufenden Sechzehntelbewegung, thematisch scharf profiliert und harmonisch reich differenziert, Symbol der Sinnlosigkeit und des Leerlaufs; eine G-Dur-Episode ergibt einen kontrastierenden Trioteil. Aus der musikalischen Idee dieses Liedes hat Mahler das unruhige, gespenstische Scherzo seiner 2. Symphonie entwickelt.

Die Soldatenlieder steigen als düstere Reminiszenz aus der Vergangenheit auf, sind aber mehr als bloße Grusel- und Schauermärchen. Sie desillusionieren vielmehr die Soldatenromantik und werden zu einer leidenschaftlichen Anklage gegen die Sinnlosigkeit des Krieges. Komponiert auf der Schwelle des 20. Jahrhunderts sind sie damit schon beinahe prophetisch zu nennen.

"Der Tamboursg'sell" ("Ich armer Tamboursg'sell!") ist das Lied eines Deserteurs, der zum Galgen geführt wird. Die Trauermarschklänge und die elegischen Kantilenen der Begleitung lassen an den Anfangssatz der 5. Symphonie denken.

"Revelge" ("Des Morgens zwischen drei'n und vieren"), ein schauriges, breit ausgeführtes Tongemälde, steigert leises Grauen ins Grelle und Gräßliche. Der tote Tambour trommelt seine gefallenen Kameraden aus dem Schlaf, das Heer der Toten schlägt den Feind und zieht in die Heimat vor das Haus der Liebsten: "Des morgens stehen da die Gebeine, in Reih und Glied sie stehn wie Leichensteine. Die Trommel steht voran, daß sie ihn sehen kann." Die Vortragsbezeichnung "Marschierend in Einem fort" spannt das balladeske Geschehen in unbarmherzigen, starren Marschrhythmus. In der Orchsterfassung begleiten rumorende Bässe, gestopfte Trompeten, rasselnde Trommeln, trillernde Piccoloflöten den Aufstand der Toten. Beklemmend sinkt mit dem Erlahmen des nächtlichen Spuks das gespenstische Toben in ein wesenloses Pianissimo zurück - eine makabre Vision, der schneidende Dur-Akkorde der Bläser und dröhnende Pauken ein Ende setzen.


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