Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

R. Schumann, Dichterliebe op. 48


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


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Robert Schumann,
Dichterliebe op. 48

01. Im wunderschönen Monat Mai
02. Aus meinen Tränen sprießen
03. Die Rose, die Lilie
04. Wenn ich in deine Augen seh'
05. Ich will meine Seele tauchen
06. Im Rhein, im heiligen Strome
07. Ich grolle nicht
08. Und wüßten's die Blumen
09. Das ist ein Flöten und Geigen
10. Hör' ich das Liedchen klingen
11. Ein Jüngling liebt ein Mädchen
12. Am leuchtenden Sommermorgen
13. Ich hab' im Traum geweinet
14. Allnächtlich im Traume
15. Aus alten Märchen winkt es
16. Die alten bösen Lieder


Die „Dichterliebe“ nach Gedichten von Heinrich Heine ist die berühmteste Sammlung in Robert Schumanns Lied-Œuvre und gleichzeitig einer der wichtigsten romantischen Liederzyklen. Das Entstehungsjahr der „Dichterliebe“, 1840, war von großer Bedeutung in Schumanns Leben. Endlich konnte er seine geliebte Clara heiraten. Robert hatte sogar vor Gericht um ihre Hand kämpfen müssen, weil Claras Vater, Friedrich Wieck, der Heirat nicht zustimmen wollte. Roberts Glück über die Heirat war groß, aber nicht ungetrübt. An Clara schrieb er: „Eine große Schuld lastet auf mir. Diejenige, Dich von Deinem Vater getrennt zu haben.“ Stur blieb er dann dennoch, als der immer als Tyrann dargestellte Schwiegervater Versöhnung anstrebte. 1840 entstanden in kürzester Zeit auch mehr als die Hälfte aller Lieder Schumanns, was zeigt wie hochgradig inspiriert er zu jener Zeit arbeitete. Robert an Clara: „O Clara, welch ein Glück, wieder für den Gesang zu schreiben, ich war so lange davon abgetrennt.“

Grundlage für die „Dichterliebe“ sind Gedichte aus Sammlungen, die Heinrich Heine als „Lyrisches Intermezzo“ bzw. „Buch der Lieder“ veröffentlicht hatte. Schumann plante, seinen „Heine-Zyklus“ seinem Freund Felix Mendelssohn Bartholdy zu widmen, der sich ebenfalls mit der Vertonung von Heine-Gedichten beschäftigte. Die Veröffentlichung des Zyklus gestaltete sich nicht einfach. Schumann hatte die Lieder verschiedenen Verlagen vergeblich angeboten. Erst Peters nahm die Lieder an, vermutlich aber nur unter der Bedingung, dass der Zyklus um vier Lieder gekürzt würde und statt „Heine-Zyklus“ den klingenden Titel „Dichterliebe“ erhalte, den Schumann selbst, auch nach der Veröffentlichung, nie benutzte.

Die vier aussortierten Lieder veröffentlichte Schumann später in den Sammlungen op. 127 („Dein Angesicht so lieb und schön“ und „Es leuchtet meine Liebe“) und op. 142 („Lehn deine Wang“ und „Mein Wagen rollet langsam“). Er widmete die „Dichterliebe“ schießlich Wilhelmine Schröder-Devrient, jene Sängerin, für die höchstpersönlich Schumann das Lied Nr. 7 „Ich grolle nicht“ geschrieben hatte. Singt eine Sängerin, so wirft dies ein anderes Licht auf die tragische Komik der Heine-Gedichte. Die Entstehungsgeschichte des Zyklus zeigt, dass die „Dichterliebe“ nicht nur ein Zyklus für Männer ist, sie wurde von jenen nur lange Zeit zu Unrecht exklusiv gepachtet.

Schumann wählte und ordnete die Gedichte so, dass eine Geschichte entstand: Es ist die Geschichte des inneren Weges eines unglücklich Liebenden, ein typisches Sujet der Romantik. Auf diesem Weg beschreibt Schumann mit den Worten Heines vier Stationen:

I. Die ersten sechs Lieder beschreiben das Erwachen der Liebe. Schumann und Heine zeigen verschiedene Facetten des Verliebtseins. Der Frühling steht am Anfang symbolisch für das Entstehen der Liebe. Es folgen übermütiger Witz in „Die Rose, die Lilie“, weinselige Freude in „Wenn ich in Deine Augen seh“ und erotische Andeutung in „Ich will meine Seele tauchen“. Das sechste Lied, „Im Rhein, im heiligen Strome“, rückt die Liebe ins religiöse Licht der Marienverehrung.

II. In den Liedern 7 – 12 trübt sich die Freude mehr und mehr. Wut („Ich grolle nicht“), Depressionen („Und wüsstens die Blumen“), Wahnvorstellungen über die Hochzeitsfeier der Geliebten mit einem Anderen („Das ist ein Flöten und Geigen“), Zynismus („Ein Jüngling liebt eine Mädchen“) und Traurigkeit („Am leuchtenden Sommermorgen“) sind die Gefühle, die den Überschwang des frisch verliebten Dichters, dem wir in den ersten sechs Liedern begegnet waren, verdrängen.

III. In den Liedern 13 – 16 geht es um die Bewältigung der emotionalen Katastrophe einer gescheiterten Liebe, die hinter dem Liebenden liegt. Diese geschieht hier im Traum. Heute würde man das vielleicht als psychoanalytischen Ansatz bezeichnen, allerdings war Sigmund Freud im Entstehungsjahr der „Dichterliebe“ noch nicht einmal geboren.

IV. Das letzte Lied nimmt eine eigene Station auf dem Weg des unglücklich Liebenden ein. Hier handelt es sich um ein Abschiedsritual. Heine versenkt seine Liebe in einen riesigen Sarg in einer fast humoristischen, in jedem Falle ironischen Art. Das Nachspiel des Klaviers zu diesem Lied ist ungewöhnlich lang. Es ist ein Kommentar zum ganzen Zyklus, ein Rückblick auf die verschiedenen Stationen der gerade erlebten Reise.

Franck-Thomas Link


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