Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

CPE Bach, Fantasie fis-moll, R. Schumann, Sonate g-moll op. 22


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


... mehr als PDF


Carl Philipp Emanuel Bach,
Freye Fantasie fürs Clavier fis-moll H 300 (Wq 67), 1787

Sehr traurig und ganz langsam (Adagio)
Allegretto
Largo

Robert Schumann,
Sonate g-moll op. 22

So rasch wie möglich
Andantino
Scherzo, sehr rasch und markiert
Presto


Carl Philipp Emanuel Bach wird von den Berlinern als der „Berliner Bach“, von den Hanseaten als der „Hamburger Bach“ bezeichnet. Dieser Streit muss wohl unentschieden bleiben, denn in beiden Städten hat der Sohn des großen Johann Sebastian etwa gleich lange gelebt. CPE Bachs Klavierfantasien sind von beispielloser Spontaneität und ziehen Spieler und Zuhörer mit magischer Kraft in die Geistes- und Seelenwelt des Komponisten hinein. Sie sind voll von wechselnden musikalischen Augenblicksbildern, Stimmungsgegensätzen und dramatischen Kontrasten. In seiner Fantasie fis-moll stellt Bach zunächst die drei musikalischen Hauptelemente (Adagio, Largo sowie kadenzartige Läufe und Arpeggien) vor und verwebt sie in freier Form miteinander. Den Begriff „Fantasie“ benutzt er mehr im Sinne von „Improvisation“ („quasi improvisando“), und liefert hier das Paradox einer völlig auskomponierten Improvisation. Die formalen Freiheiten, die er sich dabei nimmt, waren zu seiner Zeit radikal neu und finden sich zum Teil erst in der avantgardistischen Musik unserer Tage wieder. Beispielsweise werden in weiten Teilen der Kadenzen die Taktstriche einfach weggelassen, wodurch das feste Metrum, das zu den Grundbausteinen der europäischen Musik gehört, völlig verschwindet. CPE Bachs empfindsamer Stil öffnete das Tor zu einer neuen Epoche, der Klassik - man denke besonders an Beethovens Klaviermusik.

Franck-Thomas Link


Die Sonate op. 22 von Robert Schumann ist auf den ersten Blick außerordentlich klassisch gebaut: Ein schneller Kopfsatz, eine lyrischer langsamer Satz, der das Schumann-Lied „Im Herbst“ zitiert, ein Scherzo und ein virtuoses Finale. Man denkt beim ersten Blick in die Noten an eine große Beethoven- oder Schubertsonate. Beginnt man die Vortragsbezeichnungen zu lesen, stößt man allerdings schnell auf die eigentliche Bedeutung der Sonate. Im ersten Satz schreibt Schumann als Tempobezeichnung „So rasch wie möglich“, einige Seiten später gibt er an „schneller“ und über die Coda schreibt er „noch schneller“. Ähnlich verhält es sich im Finale.

Durch das vorgeschrieben Tempo entsteht in der Sonate eine Art Rausch, der angesichts der streng klassischen Form des Werkes die Vermutung erlaubt, dass Schumann mit diesen übersteigerten Tempi dem Korsett ebendieser klassischen Form entfliehen will.

Vielleicht aber sind die rasenden Tempi der g-Moll-Sonate auch einfach Ausdruck für Schumanns rasende Liebe zu Clara Wieck, seiner späteren Ehefrau. Sie sollte die Sonate natürlich spielen und hatte von daher auch das Recht, die Komposition zu kritisieren. Sie merkte an, dass das ursprüngliche Finale „viel zu schwer sei“, so dass Schumann einen vollständig neuen vierten Satz schrieb, den er selbst als „sehr simpel, aber innerlich gut zum ersten Satz passend“ bezeichnet hat. Gerade das neue Finale ist jedoch mit dafür verantwortlich, dass die Sonate zu großem Ruhm gelangte.

Franck-Thomas Link


Mehr zur Reihe Lunchkonzerte in der Handelskammer Hamburg.