Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Lunchkonzert in der Handelskammer Hamburg

F. Schubert, Winterreise 1. Teil


Handelskammer Hamburg, Adolphsplatz 1, U Bahn Rathaus


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Franz Schubert,
Winterreise op. 89, D 911

1. Gute Nacht
2. Die Wetterfahne
3. Gefror'ne Tränen
4. Erstarrung
5. Der Lindenbaum
6. Wasserflut
7. Auf dem Flusse
8. Rückblick
9. Irrlicht
10. Rast
11. Frühlingstraum
12. Einsamkeit
13. Die Post
14. Der greise Kopf
15. Die Krähe
16. Letzte Hoffnung
17. Im Dorfe
18. Der stürmische Morgen
19. Täuschung
20. Der Wegweiser
21. Das Wirtshaus
22. Mut
23. Die Nebensonnen
24. Der Leiermann


„Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu sehen, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dies bei anderen der Fall war. Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen.“ (Franz Schubert)


Inhalt

Die „Winterreise“ erzählt die Geschichte einer missglückten Liebe, der Irrfahrt des abgewiesenen Wandergesellen durch Eis und Schnee. „Der Mai war mir gewogen / Mit manchem Blumenstrauß. / Das Mädchen sprach von Liebe, / Die Mutter gar von Eh' ...“ So glücklich standen die Dinge vor einem halben Jahr. Doch die Beziehung ist zerbrochen. „Nun ist die Welt so trübe, / Der Weg gehüllt in Schnee“. Der Enttäuschte sieht sich gezwungen, von der Stätte seiner Liebe zu fliehen. „Was soll ich länger weilen, / dass man mich trieb hinaus?“ Er geht, um dem gewaltsamHinausgeworfenwerden zuvorkommen: „Die Liebe liebt das Wandern - Gott hat sie so gemacht - Von einem zu dem andern.“ Das ist bittere Ironie, denn gerade, weil seine Liebe nicht wandern kann, macht sie ihn zum unglücklichen Flüchtling. „Will dich im Traum nicht stören, wär schad um deine Ruh, ... / Schreib' im Vorübergehen / Ans Tor dir: Gute Nacht.“ Ein leiser, liebevoller, fast versöhnlicher Abschied trotz all der zugefügten Kränkung. Was ist die Ursache dieses Abschieds? „So hätt er nimmer suchen wollen / im Haus ein treues Frauenbild.“ Die Liebste ist also untreu. „Der Wind spielt mit der Wetterfahne / auf meines schönen Liebchens Haus. / Der Wind spielt drinnen mit den Herzen" Nicht nur einmalige Untreue also. „Ihr Kind ist eine reiche Braut.“ Der Mann ist anscheinend für diese Liebste als nicht standesgemäß befunden worden. Der Winter ist hereingebrochen. Dem Helden gefrieren die Tränen, während er sich in die verlorene Vergangenheit zurückträumt. Im Schnee sucht er die Spuren einstiger gemeinsamer Wege. Dann löst die Verzweiflung seine geradezu panische Flucht aus: „Es brennt mir unter beiden Sohlen, /... / Ich möcht nicht wieder Atem holen, / bis ich nicht mehr die Türme seh. / Hab mich an jedem Stein gestoßen, / so eilt ich zu der Stadt hinaus“. Er wandert und irrt nun durch die winterliche Landschaft. Immer wieder flammt Sehnsucht auf und erstarrt wieder in der klirrenden Kälte. Noch einmal will das unbelehrbare Herz Hoffnung fassen, als ein Posthorn erklingt. „Die Post kommt aus der Stadt, / Wo ich ein liebes Liebchen hatt' ... / Die Post bringt keinen Brief für dich. / Was drängst du denn so wunderlich, / Mein Herz?“ Eine Krähe, die einen Todkranken wittert, verfolgt ihn auf seinem weiteren Weg. Dann sinkt seine letzte Hoffnung mit einem letzten welken Blatt zu Boden. Nachts kommt er durch ein schlafendes Dorf und begreift entgültig, dass er ein Ausgestoßener ist. Nach einem stürmischen Morgen lässt er sich vorübergehend von einer Täuschung die Sinne betäuben. „Ach! wer wie ich so elend ist, / Gibt gern sich hin der bunten List, / Die hinter Eis und Nacht und Graus / Ihm weist ein helles, warmes Haus.“ Doch diese Wärme kann sein erfrorenes Herz nicht mehr auftauen. Ein Wegweiser führt ihn zu einem Friedhof. Aber er kann noch nicht sterben. Trotzig aufbegehrend zieht er weiter. „Will kein Gott auf Erden sein, / sind wir selber Götter!“ Nachdem er Glauben und Hoffnung verloren hat, wünscht er nun auch endlich des Dritten ledig zu sein: der Liebe. „Ging nur die dritt' erst hinterdrein, / im Dunkeln wird mir wohler sein.“ Er trifft schließlich einen alten Leiermann. „Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her / Und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer. / Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an, / Und die Hunde knurren um den alten Mann.“ Hier, auf der untersten Stufe der sozialen Leiter findet er einen Weggefährten. „Wunderlicher Alter, / soll ich mit dir gehn? / Willst zu meinen Liedern / deine Leier drehn?“


Der Textdichter

Wilhelm Müller (1794-1827), der Dichter der Texte der Winterreise, war studierter Altphilologe und stammte aus Dessau. Ohne Schubert würde sich wahrscheinlich kaum jemand mehr an ihn erinnern. Aber man sollte „Griechen-Müller“, wie er wegen seiner Faszination für diese Kultur auch genannt wurde, nicht unterschätzen. In seinen Gedichten, zumal in denen der Winterreise, bewies er ein feines Gespür für die Zeichen seiner Zeit. Ein Gefühl von Weltschmerz griff in Europa um sich. Im Zuge der Aufklärung und dem damit verbundenen Verlust einer metaphysischen Sicherheit, war der Mensch plötzlich auf sich geworfen. Eindrücklich hat dies der Wiener Germanist Emil Staiger beschrieben: „Man hat es vielleicht noch nicht mit wünschenswerter Deutlichkeit ausgesprochen, dass sich damals ... ein schmerzhafter Abschied sich vollzogen hat. Ein Abschied von einem sinnerfüllten und von Liebe beseelten Dasein, vom Glauben an ein Ziel der Geschichte, an eine wenn auch tief verborgene Einheit von Schicksal und Vorsehung, an eine Erde, mit einem Wort, die eine Heimat der Menschen sein könnte.“ Bekannt wurde Wilhelm Müller zu seiner Zeit vor allem durch seine „Griechenlieder“, die er zwischen 1821 und 1826 publizierte. Mit ihnen setzte sich Müller für den Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die türkische Fremdherrschaft ein und kritisierte dabei gleichzeitig auch die Verhältnisse im zerrütteten Deutschland. Die Zensurbehörde reagierte und verbot einige seiner Lieder. Die Tatsache, dass Müllers Texte wie „Der Lindenbaum“ oder „Das Wandern“ zu Volksliedern wurden, täuscht über diese politische Dimension hinweg. Tatsächlich standen auch die Lieder der Winterreise auf dem Index und Schubert musste sich heimlich ein Exemplar besorgen. Das Verhältnis Müller-Schubert ist ein ausgesprochener Glücksfall. „Nie haben sich ein Dichter und ein Komponist besser verstanden“ notiert Staiger, und weiter: „Der Künstler Schubert hat über den leidenden Menschen gesiegt, kaum durch geduldige Arbeit und energischen, formbewussten Willen, eher weil sich alles, auch das Fürchterlichste und Schmerzlichste, sowie es seine Seele berührte, in jene bezaubernde Kantilene, in jenes Ebenmaß einwiegte, das sein persönliches und und unveräußerliches Geheimnis ist.“ (Eckhard Bühler)


Die politischen Verhältnisse zu Schuberts Zeit

Die Französische Revolution von 1789 wurde von vielen Intellektuellen und Künstlern als Zeichen von Aufbruch und Hoffnung erlebt. Napoleon war das Idol der neuen bürgerlichen Gesellschaft. Mit Napoleons Rückfall in ein reaktionäres Regime (1809) und den Eroberungskriegen entlarvten sich die Hoffnungen als Illusionen. Die Befreiungskriege gegen Napoleon (1813/14) waren noch von nationalem Enthusiasmus und einem Aufschwung der neuen bürgerlichen Kunst begleitet. In jener Zeit brachte Schubert fast 300 Kompositionen hervor. Das öffentlich-geistige Leben beginnt unter der metternichschen Politik nach dem Wiener Kongress 1815 mehr und mehr zu ersticken. In dieser Zeit der Restauration der alten Werte wuchert die Skepsis gegenüber allen modernen, liberalen Ideen. Der Mord an dem Schriftsteller Kotzebue 1819 liefert Metternich endlich den willkommenen Anlass, unliebsames intellektuelles Treiben durch die Karlsbader Beschlüsse in der Öffentlichkeit zu verbieten. Mehr als 10.000 „Geheimpolizisten“, also jeder zwanzigste Wiener, leisten Spitzeldienste für die Regierung. Ein Fünftel davon sind intellektuelle Agenten, die das gesamte kulturelle Leben kontrollieren. Die spitzen Zungen der Regimekritiker lernen jedoch, ihre Pfeile aus dem Hinterhalt zu verschießen. Es bildet sich eine intellektuelle Untergrundbewegung aus, die sich durch die Maschen des Zensurnetzes hindurch austauscht. Es enststeht ein Schwarzmarkt verbotener Schriften. Geheime Knotenpunkte mündlicher Propaganda und eine zensurunverdächtige, doch den Gesinnungsgenossen wohlbekannte „Verschlüsselung“ der Sprache bildet sich. Wilhelm Müller, der Textdichter und Altersgenosse Schuberts, war offensichtlich Meister dieses Genres. Wegen eines Gedichtes von Müller wird die Leipziger Literaturzeitschrift „Urania“ 1822 verboten. 1823 Müller veröffentlicht in der verbotenen „Urania“ die „Winterreise“, die „Schöne Müllerin“ und „Tafellieder für Liedertafeln“. Schubert entdeckt die ersten 12 Gedichte der Winterreise dort. Er muss sich die Zeitschrift illegal verschafft haben, denn auch Besitz und Lektüre standen unter Strafe. Die Gesamtveröffentlichung der Müller-Gedichte von 1824 fällt Schubert erst 1827 in die Hände, nachdem der 1. Teil bereits vertont ist. 1828 Schubert vollendet die „Winterreise“, im gleichen Jahr stirbt er.

Schubert hatte enge Kontakte zu den Kreisen der intellektuellen Opposition und spielte seiner musikalischen Begabung wegen eine ausgezeichnete Rolle in ihren Reihen. Zwar war er selbst kein politischer Agitator, aber er war ein Sprachrohr. Überdies besaß er enge Kontakte zu Beethoven, der aus seiner politischen Gesinnung keinen Hehl machte. Einige der beehovenschen Konversationshefte waren derart voller Verbalinjurien gegen die Regierenden, dass die Erben sich genötigt sahen, diese Hefte teilweise verschwinden zu lassen. Beethoven genoss jedoch wegen seiner Popularität einen gewissen Schutz. Knotenpunkt für die Opposition waren einige Dissidentencafes, welche Schubert wie Beethoven vertraut waren. Schuberts wurde hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Position regelrecht kaltgestellt. Er hat nie eine Anstellung bekommen. Schubert war sogar im März 1820 nach einer Razzia wegen politischer Zusammenkünfte im Wirtshaus in polizeilichem Gewahrsam und wurde in die „Überwachungskartei“ aufgenommen. Einer anderen Razzia in einem Lokal 1826 entging er nur knapp durch eine Warnung. So wird klar, warum Schuberts Musik, abgesehen von den „Deutschen Tänzen“, vierhändigen Militärmärschen und einer Reihe von Liedern, keine nennenswerte öffentliche Rezeption besaß. Schubert hatte sein Publikum nur in seinem eigenen Freundeskreis.


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