Hamburger Kammerkunstverein

Veranstaltungen mit Herz und Hirn.

Die Melodie muss fließen wie die Wolga

Feierabendkonzert im Oberhafen

R. Stürzinger, U. Bildstein, J. Brand, FT Link

Dimitri Schostakowitschs Cellosonate trifft auf Texte von Daniil Charms – eine scheinbar entlegene Begegnung. Doch den weltberühmten Musiker und den Off-Theater-Künstler verbindet nicht nur das Leid unter Stalins Terror, sondern auch eine besondere Sensibilität für künstlerische Wahrhaftigkeit.

Gastronomie und Abendkasse 17 h, Konzert 18 h, Lounge 19 h

Mehr zur Reihe: Feierabendkonzert im Oberhafen



- ausverkauft, evtl. einzelne Karten an der Abendkasse -


Halle 424, Stockmeyerstraße 43, Tor 24, 20457 Hamburg


Dimitri Schostakowitsch,
Sonate für Violoncello und Klavier, d-moll, op. 40 (1934)

Allegro non troppo
Allegro
Largo
Allegro


Am Abend des 26. Januar 1936 saß Joseph Stalin, durch einen Vorhang für das Volk unsichtbar, in seiner aus Angst vor Anschlägen mit Stahlplatten gepanzerten Loge im Moskauer Bolschoi-Theater. Gegeben wurde Dimitri Schostakowitschs überall gefeierte Oper „Lady Mackbeth von Mzensk“. Stalin verließ wutschnaubend das Theater, kurz darauf erschien in der „Prawda“ unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ ein Artikel über „Lady Mackbeth“. Der Verriss war von katastrophaler Wirkung. Alle Aufführungen wurden gestoppt. Schostakowitsch war voll in die Schusslinie des stalinistischen Säuberungswahns geraten, daran konnte auch der bereits internationale Ruhm des jungen Komponisten nichts ändern. Tatsächlich erfuhr Schostakowitsch in der Folge ekelhafteste Repressalien gegenüber sich und seinem Freundeskreis. Manche haben die Tonsprache der nach der Premiere von Lady Mackbeth 1934 entstandenen Cellosonate als Ausdruck vorauseilenden Gehorsams betrachtet: Schostakowitsch habe sich mit einer „gemäßigten“, „allgemeinverständlichen“, ja „konservativen“ Tonsprache den Positionen der staatlich verordneten Ästhetik angenähert. Wie grundfalsch diese Einschätzung ist, wird jeder verstehen, der sich eingehender mit der Sonate beschäftigt. Das Allegro non troppo beginnt wie eine Synthese aus Brahms und Debussy: mit einer lang ausgesponnenen, herrlichen Cellokantilene über impressionistischen Akkordflächen des Klaviers. Auch das zweite Thema knüpft in seinem Ausdruck an die Spätromantik an. In der Durchführung zertrümmert Schostakowitsch dann alle Romantik mit unerbittlich hämmernden Ostinati. Der Wiedereintritt des zweiten Themas wirkt danach beinahe unwirklich schön, während das Hauptthema erst nachträglich und im Ausdruck völlig verändert wiederkehrt. Durch hohle, mechanische Oktaven im Klavier wirkt es wie entkräftet. Kantabilität scheint nicht mehr möglich. Das Durchführungsmotiv setzt den bitteren Schlußpunkt. Das Allegro-Scherzo spielt danach brutal auf, einerseits wild asiatisch im Chatschaturjan-Stil, andererseits bewusst salonhaft banal. Der Kontrast zum folgenden Largo könnte kaum größer sein. In ihm begegnet man dem typischen Schostakowitsch der langsamen Sätze: zu Beginn in einem archaischen Gesang des Cellos über stockenden Klavierakkorden, später in einer elegischen Vokalise nach Rachmaninoffs Vorbild und einem entrückten hohen Klaviersolo. Der lange Atem dieses Satzes ist von Resignation durchdrungen, was besonders die unaufgelöste Harmonik vermittelt. Im Sarkasmus des Allegro-Finales werden von der verzerrten Anspielung auf Haydn im Thema bis zum leeren Passagenwerk im Stile eines Hummel oder Czerny klassische Finalklischees bemüht und ad absurdum geführt.